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Der Tod hat ein Gesicht - Gesichtsrekonstruktion

Lesezeit: 5 Min.

Gesichtsrekonstruktion: Identifizierungshilfen am Leichnam

07.09.2005 - Körper ohne Identität - im Zusammenhang mit der Zunahme internationaler Kriminalität und der Grenzdurchlässigkeit zwischen den europäischen Ländern hat die Polizei immer mehr Probleme mit Leichen und Leichenteile, bei denen mittels regionaler Recherchen im Fundumfeld eine schnelle Identifizierung der zu Tode gekommenen Personen nicht gelingt.

Erschwert wird die makabre Situation durch den oftmals durch Fäulnis- und Verwesungsprozesse bis zur Skelettierung abgebauten Leichnam. In einigen Fällen lassen die Rekonstruktion der Todesumstände (Projektile, Strangulieren), die Behandlung des Leichnams (Einwickeln, Verschnüren) oder die rechtsmedizinische Obduktion einen gewaltsamen Tod durch Fremdeinwirkung

Aufgrund der oft stark abgebauten Weichteile können in vielen Fällen die Todesumstände jedoch nicht mehr geklärt werden. In Folge ist ein gewaltsamer Tod dann nicht auszuschließen. Ein wichtiger Ermittlungsschritt ist in diesem Fall die Identifizierung des Opfers. Aber auch wenn ein natürlicher Tod vorliegt, ist eine Identifizierung des Leichnams wesentliches Ermittlungsziel.

In Ergänzung zu den am Fundort aufgefundenen persönlichen Gegenständen wie zum Beispiel Kleidung, den bei der rechtsmedizinischen Obduktion ermittelten individuellen Daten und dem insbesondere bei Skelettfunden angeratenen anthropologisch-forensischen Gutachten kann die Gesichtsrekonstruktion als wichtige Fahndungshilfe dienen.

Daneben ist die Methode der Gesichtsrekonstruktion geeignet, einen Abgleich des aufgefundenen Schädels mit Porträtaufnahmen vermisster Personen auf deren Identitätsplausibilität zu prüfen. Ein Ausschluss ist dadurch oft schnell möglich, eine eindeutige Identifizierung jedoch nicht, sie muss mittels alternativer geeigneter Methoden (zum Beispiel DNA-Gutachten) erfolgen. Somit besteht die Bedeutung der Gesichtsrekonstruktion unbekannter Toter vorwiegend in der Ergänzung der Personenmerkmale in der Fahndung.

Als erster Schritt für eine typgerechte Rekonstruktion des Gesichtes werden die am Leichnam bzw. am Fundort erkennbaren persönlichen Details aufgenommen. Hierzu gehören einerseits etwaige noch vorhandene Weichteilreste, die Erkenntnisse über morphognostische Gesichtsmerkmale liefern, welche an der knöchernen Unterlage des Schädels nicht oder nicht mehr erkennbar sind, und die darüber hinausgehende Informationen liefern.

Dies sind beispielsweise Form, Farbe und Länge des Kopfhaares, Verlauf des Haaransatzes, der Augenbrauen, Bartwuchs, individuelle Merkmale wie Narben, Muttermale etc. Hierbei ist allerdings der Abbaugrad des Leichnams zu berücksichtigen, der bei fortgeschrittenen Fäulnis- oder Verwesungsstadien Formänderungen der Weichteilbedeckung bewirken kann. Andererseits liefern beispielsweise die Größenangaben von Kleiderresten Hinweise zum Konstitutionstyp, der durch entsprechende Muskel- und Fettgewebeeinlagerung im Gesichts- und Halsbereich bei der Gesichtsrekonstruktion aufgegriffen wird.

Daher ist es hilfreich, wenn möglichst detailgerechte Photos des Leichnams und der assoziierten Funde vorliegen. Weiterhin werden im Vorfeld die polizeilichen Berichte sowie der rechtsmedizinische Obduktionsbericht benötigt. Diese werden auf Hinweise zum Aussehen der Person durchgesehen.

Das Geschlecht des Leichnams bzw. der Leichenteile muß zweifelsfrei feststehen. Ist dies nicht mehr eindeutig durch Weichteildiagnose möglich, kann eine Geschlechtsbestimmung über etwaige vorhandene Kleidungsteile in Ergänzung mit Y-spezifischer DNA-Diagnostik erfolgen. Bei Vorhandensein des knöchernen Beckens kann eine anthropologische Untersuchung das Geschlecht und auch dessen Ausprägungsgrad einschätzen.

Ein grundlegendes und wesentliches Merkmal für eine sinnvolle Gesichtsrekonstruktion ist die möglichst genaue Einschätzung des Sterbealters. Bei vollständig skelettierten Leichen kann eine Sterbealtersschätzung anhand der altersabhängigen degenerativen Veränderungen am Knochen erfolgen. Dies allerdings ermöglicht bei Erwachsenen nur eine Bestimmung in grobem Rahmen. Hierzu gibt es Empfehlungen von Anthropologen, die zur Zeit im Rahmen der AGFAD (Arbeitsgruppe für Forensische Altersdiagnostik der Gesellschaft für Rechtsmedizin) ergänzt werden. Deutlich exaktere Altersschätzungen liefern die Methode der Aminosäure-Razemisierung und die Zahnzementannulation (TCA), die auf der Auszählung von jährlich angelegten Zuwachsringen im Zahnzement beruht, wodurch das Sterbealter bis auf 2,5 Jahre genau ermittelt werden kann (siehe Bild oben).

Ein weiterer Arbeitsschritt vor der eigentlichen Gesichtsrekonstruktion ist die Einschätzung der ethnischen Zugehörigkeit. Hierzu erfolgt eine anthropologische Untersuchung des Schädels, im Idealfall des gesamten Skelettes. Auf einer morphometrischen Basis kann es möglich sein, aufgrund verschiedener Diskriminanzformeln Wahrscheinlichkeiten für die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe zu entwickeln.

Erschwert wird dieses Verfahren durch die im europäischen Kontext hohe morphologische Variationsbreite und deren Überlappung in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. In der Regel wird es zweifelsfrei möglich sein, Personen asiatischen bzw. afrikanischen Ursprungs von denen europäischer Herkunft zu unterscheiden.

Auch besteht eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, Südosteuropäer in ihre Herkunftsregion einzuordnen. Ähnliches gilt für mediterrane oder vorderasiatische Herkunft. Schwierig ist jedoch eine Differenzierung innerhalb des mittel- und nordeuropäischen Raumes, auch eine Abgrenzung zu Personen osteuropäischer Herkunft, eine Problematik, die sich insbesondere in den letzten Jahren durch die Öffnung der Grenzen zu den Ländern der russischen Föderation verschärft hat.

Hilfreich ist in solchen Fällen neben der polizeilichen Ermittlung auf jeden Fall die odontologische Einschätzung von Zahnbehandlungen oder die DNA-Typisierung mit STR- bzw. VNTR- Markern, für die Bevölkerungsfrequenzen existieren. Bei der Diagnose seltener Allele kann dann eine Bevölkerungseinordnung möglich sein. Mit der neuen Methodik der Untersuchung der Konstellation stabiler Isotope im Knochen kann bei eindeutigen regionalen Kartierungsmustern ein Abgleich mit der Boden- und Grundwasserkonstellation einer Herkunftsregion möglich sein.

Als direkte Vorarbeit zur Gesichtsrekonstruktion gilt die anthropologische Analyse des Schädels. Anhand der morphometrischen Untersuchung des Schädels lässt sich die allgemeine Gesichtsgeometrie erkennen, die zudem über die Beziehung von Maßen zueinander Formmerkmale der Gesichtselemente aufzeigt. Ein wesentliches Kriterium für die Vorstellung individueller Merkmale ist die Erfahrung mit der individuellen Variation von Schädelelementen, die über die rein metrisch zu erfassenden Merkmale hinaus die Individualität eines Gesichtes ausmachen.

Für die Gesichtsrekonstruktion auf der Basis dieser Informationen sind verschiedene Techniken entwickelt worden, die je nach Anspruch an die Verwendung eines derart aufgebauten Gesichtsbildes gezielt eingesetzt werden sollten. Zunächst wäre die zeichnerische Gesichtsgestaltung zu nennen, die ein Gesicht in Frontalansicht aufbaut. Als Basis dient die anthropologische Untersuchung am Schädel mit Messwerten der Weichteilauflagerung in Frontalansicht des Gesichtes, aber auch die künstlerisch-anatomischen Kenntnisse der Gesichtsgeometrie. Mit dieser Methode eines geübten Zeichners wird ein schnelles Ergebnis erzielt, das die Gesichtszüge oft gut wiedergibt. Als Nachteil dieser Methode ist die mangelnde Vorstellungskraft zu nennen, mit einer Zeichnung ein reales Gesicht zu verbinden. Dies ist insbesondere dann relevant, wenn mit dem erzeugten Bild eine medienunterstützte Identifizierung angestrebt wird.

Ein klassisches Verfahren, das seit den ersten Arbeiten des Russen Gerassimov in den fünfziger Jahren in Gebrauch ist, ist die plastische Rekonstruktion. Sie modelliert mit Plastilin auf den Schädel oder dessen Abguss das Gesicht dreidimensional aus. Dadurch können die Gesichtsumrisse, Tiefenmaße sowie individuelle Details präzise ausgeformt werden. Es hat weiterhin den Vorteil, das entstandene Kopfmodell in beliebiger Ansicht präsentieren zu können. Als Nachteile dieser Methode ist einerseits der hohe Aufwand zu nennen, der sich in den Kosten für eine plastische Gesichtsrekonstruktion niederschlägt und das "puppenhafte" Aussehen der Köpfe, das auch hierbei die Vorstellungskraft stark beansprucht.

In einem letzten Arbeitsschritt werden, soweit bekannt, individuelle Details wie Narben oder Muttermale eingesetzt, der Alterseindruck durch Einsetzen oder Glätten von Fältchen und Furchen korrigiert, der Halsbereich analog zur Ausgestaltung der Hals- und Nackenmuskulatur modelliert und Kleidung des Oberkörpers oder Schmuck in das Bild eingepaßt. Das Ergebnis ist ein reales Gesicht in Frontalansicht, das für eine kurze Darbietung in der Fahndung bzw. in den Medien gedacht ist.

Hier kann es seinen Zweck schnell und effizient erfüllen. Eine derartige Gesichtsrekonstruktion appelliert an das menschliche Erinnerungsvermögen von Gesichtern, das insbesondere über die Gesichtsgeometrie abläuft. Das computererzeugte Bild ist allerdings nicht geeignet, das Gesicht en detail zu überprüfen. Bei Vorliegen von Ähnlichkeiten der Gesichtsgeometrie in der Fahndung sollte daher mit alternativen Mitteln weiter recherchiert werden.

Die Ähnlichkeit des rekonstruierten Gesichtes mit der zu identifizierenden Person ist abhängig von der verfügbaren Informationsdichte. Je geringer die Kenntnis über die individuelle Ausprägung des Gesichtes und seiner Details, um so größer sollte der Interpretationsspielraum bei der Durchsicht von Vermisstenkarteien, bei der Zeugenbefragung und der Mediendarbietung sein.

Die computergestützte Gesichtsrekonstruktion kann nach einer etwa zweiwöchigen Vorarbeit innerhalb weniger Stunden am BKA-Computer erzielt werden und ist dadurch eine kostengünstige und effiziente Methode. Seitdem die Zusammenarbeit zwischen dem BKA Wiesbaden und der Universität Freiburg eingerichtet wurde, ist etwa ein Dutzend Gesichter, zumeist aus länger zurückliegenden Leichenfunden, aufgebaut worden. Einen Eindruck der Ähnlichkeit der künstlich konstruierten Gesichter mit den realen Personen kann ein inzwischen aufgeklärter Fall des gewaltsamen Todes von zwei vollständig skelettiert aufgefundenen Männern geben. (Prof. Dr. U. Wittwer-Backofen, Institut für Humangenetik und Anthropologie, Institut für Rechtsmedizin, Albertstr. 9, D-79104 Freiburg)
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