Anzeige

Eichenprozessions-Spinner: Raupen als Allergieauslöser

Prozession von Baum zu Baum: Eichenprozessionsspinner wird zur Plage - giftige Raupenhaare verursachen allergische Reaktionen - Jagd auf Raupen, Raupen-Nester befinden sich auf Eichen

13.05.2007 - Der Eichenprozessionsspinner ist eine Schmetterlingsart und Forstschädling, die nur an Eichenbäumen anzutreffen ist und in den meisten europäischen Ländern beheimatet ist. Die Raupen sind mit mikroskopisch kleinen Brennhaaren versehen, die Giftstoffe enthalten, die toxische und/ oder allergische Reaktionen verursachen können. Die aggressiven Raupen-Haare werden durch Wind bis zu 200m weit vertragen.

Normalerweise war diese Art in Deutschland nur selten zu beobachten, da ihr Hauptverbreitungsgebiet in südlichen und trocken-wärmeren Gebieten liegt. Das sehr trockene und warme Wetter der letzten Jahre sowie milde Winter haben die Art begünstigt und zu einer Massenvermehrung der Tiere unter anderem in Nordbayern geführt.

Der Eichenprozessionsspinner wird nun vor allem in fränkischen Wäldern von Helikoptern aus bekämpft, an den Autobahnen aber ist der Kampf hoffnungslos: Durch das verkehrsbedingte warme Mikroklima vermehren sich die Insekten besonders gut, die Gifthaare werden zudem vom Fahrwind flugs weitergetragen.

Die Erkrankungen durch Gifthaare der Eichenprozessionsspinner hatten im letzten Jahr in den Bezirken Wiens, die direkt an den Wiener Wald angrenzen, ein epidemisches Ausmaß erreicht. Wir befragten dazu Dr. med. Harald Maier (Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten), Oberarzt an der Medizinischen Universität Wien und Leiter der interdisziplinären Arbeitsgruppe, die sich mit den offenen Fragen um den Eichenprozessionsspinnerbefall und seine gesundheitlichen Auswirkungen beschäftigt...

Dazu gab es auch Fachveröffentlichungen?

Dr. Maier: Im Jahre 2003 erschien im "British Journal of Dermatology" unsere epidemiologische Arbeit zum Thema Lepidopterismus in einem Wiener Vorstadtbezirk  Zwei Kasuistiken publizierten wir in den Fachzeitschriften "Dermatology" und "Lancet".

Dr. Maier, in Wien hat sich eine Arbeitsgruppe formiert auf der Jagd nach Raupen...

Dr. Maier: Unsere Arbeitsgruppe besteht aus einem Arzt für Allgemeinmedizin, einer Dermatologin mit Schwerpunkt Allergie, einem Forstentomologen, einem Forstmann und mir. Die Zusammenarbeit hat sich als sehr wichtig und  fruchtbar für die kompetente Abklärung des Phänomens Lepidopterismus (= Erkrankungen durch giftige Schmetterlinge und Schmetterlingsraupen) durch Eichenprozessionsspinner erwiesen.

Auch in Deutschland wird in diesem Jahr mit einer Massenvermehrung des Eichenprozessionsspiners gerechnet. Haben Sie einen Überblick, wieviel Menschen jährlich betroffen sind?

Dr. Maier: In unserer Studie ermittelten wir eine Häufigkeit von 5% innerhalb des betroffenen Gebiets, in dem 3 einzeln stehende, befallene Eichenbäume in Wohngebieten standen. Lepidopterismus stellt ein regionales Problem dar, das durch viele Faktoren bestimmt wird: Mikroklimatische Bedingungen, die Dichte der Wirtsbäume und das  Vorhandensein natürlicher Feinde spielen ebenso eine Rolle, wie die Nutzung des befallenen Gebiets. Die Häufigkeit von Erkrankungen durch die Gifthaare des Eichenprozessionsspinners ist deshalb so groß, weil die Tiere auch einzeln stehende Bäume im Wohngebiet, sowie an Waldrändern befallen. Waldränder zählen bekanntlich zu den beliebtesten Ausflugszielen, und so ist es nicht verwunderlich, dass Lepidopterismus zum Teil in kleinen Epidemien auftritt (Kindergärten, Schulklassen).

Eine weitere Risikosituation ist die Raupenbekämpfung selbst. Personen, die mit der Bekämpfung der Schädlinge betraut sind, sind durch die Gifthärchenbesonders gefährdet und müssen
Schutzanzüge und Atemschutzgeräte tragen.

Viele Dermatologen haben noch nicht von einer Raupendermatitis gehört. Einige bestreiten sogar, dass die Raupen des Eichenprozessionsspinner überhaupt eine Allergie hervorrufen...

Dr. Maier: Es gibt weltweit eine große Zahl von giftigen Schmetterlingen und/ oder Raupen (z.B. Eichenprozessionsspinner, Pinienprozessionsspinner,  Kiefernprozessionsspinner). In der Natur sollen die Gifthaare Räuber (Vögel, Kleinsäuger) abschrecken. Darum werden die Gifthaare auch in das Raupennest, in dem später auch die Verpuppung stattfindet, eingewebt.

Die Zweifler würden ihre Meinung sofort ändern, ließen sie eine Larve aus einem Gifthaare-tragenden Stadium über ihre eigene Hand marschieren.

In den Medien wurden über einzelne Fälle schwerer allergischer Schockreaktionen durch Raupen-Kontakt berichtet...

Dr. Maier: Es wurde in den Niederlanden der Fall einer schweren Schockreaktion durch Eichenprozessionsspinnerraupen beobachtet. Während einige unserer Patienten Allgemeinsymptome wie Übelkeit, Schwindelgefühl oder Anfälle von Atemnot entwickelten, fanden wir jedoch keine anaphylaktische Reaktion.

Ein Problem ist die lange Haltbarkeit der Raupen-Gifthaare in der Natur. Welche Erfahrungen gibt es aus dem Wiener Wald?

Dr. Maier: Es ist bekannt, dass die Giftwirkung mehrere Jahre anhält. Offenbar ist das Eiweißgift Thaumetopoein, das sich in den hohlen Gifthaaren befindet, sehr beständig gegen Witterungseinflüsse. Wir konnten bei unserem Feldversuch nach einem Jahr (und noch bevor die Raupen des  nächsten Jahrgangs geschlüpft waren) intakte Gifthaare durch eine einfache Abklatsch-Technik vom Boden gewinnen; dass das Gift noch aktiv war, spürten wir am eigenen Leib! Mit der Zeit werden die Gifthaare durch den Regen in tiefere Bodenschichten geschwemmt und machen sich dann nur mehr bei Gartenarbeiten bemerkbar.

In Österreich wurde die erste Massenvermehrung in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beobachtet. Hatten diese Fälle die selben Ausmaße wie im 21.Jahrhundert?

Dr. Maier: Das ist anzunehmen, da die Massenvermehrung des Eichenprozessionsspinners in Wien in den 1930iger Jahren sogar im Standardwerk der Forstentomologie erwähnt wird.

Welche Präventionsmaßnahmen empfehlen Sie z.B. bei der Gartenarbeit  in betroffenen Gebieten? Eichenwälder generell meiden?

Dr. Maier: Die lokalen Forstämter sind in der Regel bestens über das Ausmaß des Befalles orientiert. Sollte ein Waldgebiet stark befallen sein, empfiehlt es sich, dieses während Raupen- und Puppenperiode zu meiden (April bis Ende Juni).

Ein schwer lösbares Problem sind befallene Bäume in bewohntem Gebiet. Frühzeitiger Einsatz von Mitteln, die die Larvenhäutung verhindern ist die beste vorbeugende Maßnahme. Sind die Raupen einmal geschlüpft,  helfen Abflämmen und Einschäumen mit nachträglicher Entfernung der Raupennester. Menschen mit asthmatischen Beschwerden kann man nur raten,die Gartenarbeit in einem befallenen Gebiet anderen zu übertragen, oder während der Tätigkeit Schutzmasken zu tragen. Die definitive Lösung hat nur die Natur parat, wenn nämlich durch die neuerliche Veränderung der klimatischen Bedingung, die Massenvermehrung des Forstschädlings gestoppt wird.

Wie sieht die Behandlung nach einem "Giftpfeilhagel im Wiener Wald" aus?

Dr. Maier: Die Haut- und Schleimhauterscheinungen werden  mit Kortisonpräparaten  behandelt. Gegen den Juckreiz helfen Antihistaminika. Sollte sich allerdings Asthma einstellen sind Kortisonsprays und Sprays mit  Bronchien-erweiternden Mitteln erforderlich. Selten ist eine stationäre Behandlung mit Kortison-und/oder Euphyllininfusion notwendig.

Vielen Dank für das Gespräch!  

Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea Linnaeus)

Der Eichenprozessionsspinner ist ein Forstschädling, der nur an Eichenbäumen anzutreffen ist und in den meisten europäischen Ländern beheimatet ist. Die milden klimatischen Verhältnisse haben seit den 1990iger Jahren die Massenvermehrung begünstigt und zu einer Massenvermehrung der Tiere geführt.

Einen von diesem Schmetterling bewohnten Eichenbaum erkennt man neben dem weitestgehend kahlgefressenen Ästen an einem auffälligen, weißgrauen bis braunem Gespinst, das Teile des Baumes bedeckt. Die Raupen halten sich tagsüber auf der Schattenseite der Bäume auf.

Den Namen Prozessionsspinner verdanken die Tiere ihrer Gewohnheit, in der Nacht aus ihren Nestern in die Baumkrone zu "prozessieren" um sich dort von den Blättern zu ernähren. Am Morgen kehren sie im "Gänsemarsch" wieder in ihre Behausung zurück. Nach dem letzten Larvenstadium verpuppen sich die Insekten und verlassen das Nest im Juli als unscheinbare, graubraune Motten.

Ältere Raupen des Eichenprozessionsspinners sind mit mikroskopisch kleinen Brennhaaren versehen, die Giftstoffe enthalten, die toxische und/ oder allergische Reaktionen wie juckende Nesselausschläge und Reizerscheinungen an Bindehaut und Atemwegen bis hin zu Asthmaanfällen verursachen können. Dabei muss man mit den Raupen selbst gar nicht in Kontakt kommen. Die aggressiven Raupen-Haare werden durch Wind bis zu 200m weit vertragen.

Unmittelbar nach dem Kontakt entwickelt sich ein fast unerträglicher Juckreiz, dem ein Hautausschlag folgt. Die Raupendermatitis kann sich in drei verschiedenen klinischen Erscheinungsbildern zeigen: Kontakturtikaria (Quaddeln), toxische irritative Dermatitis (Hautentzündung) oder anhaltende Papeln (Knötchen), die an Insektenstichreaktionen erinnern.

Die Giftigkeit bleibt zumindest einige Monate, wenn nicht Jahre bestehen, daher ist das Entfernen auch alter Raupennester nötig. Jedenfalls sollte man sich von befallenen Bäumen fernhalten und keinesfalls Raupen oder Raupennester berühren.

Da die Eichenprozessionsspinner nur auf der Suche nach einem neuen Wirtsbaum am Boden anzutreffen sind, ist ein direkter Kontakt eher selten. Davon sind meistens Kinder betroffen, die zum Beispiel die Raupen aufheben. Die wichtigste Übertragungsart ist die Verwehung von Giftpfeilen (Setae) mit dem Wind oder das Passieren befallener Bäume. Dabei werden die Patienten von den Giftpfeilen wie von einem Giftpfeilhagel getroffen.

Ein Problem ist die lange Haltbarkeit der Gifthaare in der Natur. Diese können mehrere Jahre intakt und reizauslösend bleiben. Daraus erklärt sich, dass Personen, die in betroffenen Gebieten leben, auch außerhalb der Larven- und der Puppenperiode Krankheitssymptome entwickeln.

Problemgebiete des Eichenprozessionsspinner auf einen Blick

Die neu von der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) erstellte Karte zeigt für ganz Deutschland die Regionen, in denen mit Problemen durch die Raupen des Eichenprozessionsspinners gerechnet werden muss. Unter Federführung des BBA-Instituts für Pflanzenschutz im Forst ist die Karte auf Landkreis-Ebene in enger Zusammenarbeit mit den Forstlichen Versuchsanstalten der Bundesländer erarbeitet worden. In den markierten Gebieten kann die Schmetterlingsdichte nach den bisherigen Erfahrungen so groß werden, dass Auswirkungen auf die Gesundheit der Waldbesucher befürchtet werden müssen: http://idw-online.de/pages/de/image49602
Letzte Aktualisierung am 07.11.2008.
Empfehlungen: Insekten Infos

Von A-Z
Arztsuche
Medikamente
Kostenlos vergleichen
Anzeige