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Darmbakterien nehmen Einfluss auf die Gehirnfunktion

Lesezeit: 2 Min.

Bakterienkulturen im Darm sind mitverantwortlich für Stimmung und Verhalten

Der menschliche Verdauungsapparat ist fast vom Zeitpunkt der Geburt an von einer Vielzahl von Bakterienkulturen besiedelt. Diese Mikro-Organismen bilden Organe innerhalb der Organe, denn sie erfüllen im Körper viele Funktionen: Sie helfen bei der Verarbeitung der Nahrung und der Aufnahme von Nährstoffen, lösen bei Infektionen Entzündungsreaktionen aus und schützen den Darm vor anderen, schädlichen Mikroorganismen von außen. Eine Studie, durchgeführt an der McMaster Universität in Hamilton, Ontario, ergab nun, dass diese Mikroorganismen unter Umständen auch das Verhalten und die kognitiven Prozesse beeinflussen können.

Bakterien beeinflussen die Gehirnfunktion
Bakterien beeinflussen die Gehirnfunktion
Jane Foster und ihre Kollegen, die die Studie durchführen, verglichen das Verhalten von Mäusen ohne eine bestimmte Kategorie von Darmbakterien mit dem normaler Tiere in einem erweiterten Labyrinth. Dieses Labyrinth besteht aus einem Apparat in der Form eines liegenden Kreuzes mit zwei offenen und zwei geschlossenen Armen mit Dach und Wänden. Normalerweise vermeiden Mäuse offene Flächen, um nicht von Beutegreifern gesehen zu werden und verbringen viel mehr Zeit in den geschlossenen, geschützen Bereichen.
Das fanden die Forscher bestätigt, als sie die normalen Mäuse in das Labyrinth setzten. Die Mäuse, denen die Darmbakterien fehlten, begaben sich dagegen mutig in die offenen Bereiche und erforschten während des Tests auch alle ungeschützten Winkel.

Auch ein Schwimmtest ergab, dass die bakterienfreien Tiere länger und entschlossener kämpften, um über Wasser zu bleiben, als die "Normalmäuse", und der Pegel des Stresshormons Coticosteron blieb niedriger. Zusätzlich veränderten sich bei ihnen einige Rezeptoren im Gehirn, die für Neurotransmitter ansprechbar sind.

Im Anschluss wurden die Gehirne der Tiere untersucht. Bestimmte Rezeptoren im Gehirn und einige Gene waren anders eingestellt als bei den “normalen” Mäusen. All die Gene, die Unterschiede aufwiesen, waren in ihrer Funktion mit Emotion und Angst-Verhalten gekoppelt. Eines der Gene ist zuständig für die korrekte Gehirnentwicklung.

Die Idee, dass eine Verständigung zwischen Gehirn und Darm besteht, ist nicht neu. Beispielsweise wird ein Reizdarm häufig mit psychischen Krankheiten verknüpft. Doch bei der beschriebenen Studie wurde erstmals konkret ein Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein bestimmter Darmbakterien sowie Verhalten und Psyche nachgewiesen.

Bakterien besiedeln den Darm in den Tagen nach der Geburt, während einer sehr wichtigen Phase der Gehirnentwicklung, und produzieren dabei Substanzen, die wiederum Signale an Rezeptoren im Gehirn senden. Zuständig für die Signalübermittlung ist der Vagusnerv, der allgemein für die Kommunikation zwischen Verdauungssystem und Gehirn zuständig ist.

Ob die an Mäusen festgestellten Verhaltensänderungen sich 1:1 auf den Menschen übertragen lassen, ist noch offen, ebenso wie viele weitere Fragen: Lässt sich die Psyche über die Ernährung steuern? Welche weitreichenden Folgen hätten Antibiotikagaben? Könnten eines Tages Substanzen, wie die Darmbakterien sie produzieren, als Antidepressiva benutzt werden?

Fazit: Bestimmte probiotische Rezepturen werden in hochkonzentrierter Form von Gruppen von Darmbakterien bereitgestellt und könnten eines Tages sogar zur Behandlung psychischer Störungen eingesetzt werden. Um diese Zusammenhänge zu überblicken und gezielt zu nutzen, ist allerdings noch ausgiebige Forschungsarbeit nötig.
B. Langrehr
Gesundheitsredakteurin

aktualisiert am 12.11.2012
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