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Schienbeinbruch, Tibiafraktur

Ein Schienbeinbruch wird meist durch einen Unfall verursacht

Definition Schienbeinbruch

Betrachtet man das Skelett eines Menschen so sieht man am Unterschenkel zwei große  Röhrenknochen. Der eine Röhrenknochen ist die stärker ausgeprägte und somit die Hauptlast tragende Schienbein (Tibia) und daneben liegt das dünnere, stützende Wadenbein, die Fibula. Die Schienbeinvorderkante ist direkt unter der Haut zu tasten. Am körpernahen Ende weist das Schienbein eine keulenförmige Verdickung auf, der als Schienbeinkopf (Tibiakopf) bezeichnet wird. Der Schienbeinkopf bildet unter anderem eine Gelenkfläche für das Kniegelenk. Dagegen besitzt das Schienbein am körperfernen Ende an der Innenseite, einen kleinen Ausläufer, den Innenknöchel. Dieser ist von außen gut tastbar und bildet gemeinsam mit dem Außenknöchel (außen liegenden körperfernen Ende des Wadenbeins), ein Teil des Sprunggelenkes.

Bei einer Knochenfraktur (Knochenbruch) kommt es durch eine direkte oder indirekte Gewalteinwirkung, zur vollständigen Durchtrennung des Knochens. In der Regel ist der Knochen sehr stabil, erst eine Gewalteinwirkung, welches die Elastizität und die Festigkeit des Knochens überschreitet, führt zu einem Bruch.

Knochenbrüche können auch dann zustande kommen, wenn die Knochenstruktur geschwächt ist, z.B. infolge entzündlicher Veränderungen, bösartiger Geschwülste (Metastasen oder Knochenkrebs) oder einer Verminderung der Knochendichte (Osteoporose).

Liegt ein Unterschenkelbruch vor, so können entweder die Tibia, die Fibula oder beide Knochen gebrochen sein.

Unterschenkelbrüche können je nach Bruchform in drei große Gruppen unterteilt werden.
  • Gruppe A: Bruchstücke haben noch vollständigen Kontakt zueinander.
  • Gruppe B: Bruchstücke haben nur teilweise Kontakt.
  • Gruppe C: Bruchstücke haben keinen Kontakt mehr.

Diese kann man noch in weitere 27 Untergruppen einteilen, die hier jedoch nicht weiter aufgelistet werden.

Interessanterweise kommt es bei Brüchen im Unterschenkelbereich häufig zu offenen Brüchen, das heißt die Knochenenden werden sichtbar, da die Knochen am Schienbein kaum durch Gewebe geschützt sind.
Mit 40 Prozent zählt der Unterschenkelbruch zu den häufigsten Brüchen der langen Röhrenknochen. Die Ursache ist meist ein Unfall, z.B. durch Stoßstangenverletzung bei angefahrenen Fußgängern im Straßenverkehr oder durch Sportunfälle..

Ursachen eines Schienbeinbruchs

Zunächst unterscheidet man zwischen Schaftbrüchen und körperfernen Unterschenkelbrüchen. Der Knochen ist in diesem Bereich weicher und bricht demnach leichter.
Erst sehr starke Krafteinwirkungen führen zu Verletzungen im Bereich des Knochenschaftes. Deshalb kommen Unterschenkelbrüche häufiger bei Verkehrsunfällen vor. So sind z.B. offene Unterschenkelbrüche eine klassische Verletzung bei Motorrad-Fahrern.

Als wichtige Ursachen kann man auflisten:

  • Indirekte Krafteinwirkung, z.B. durch Biegung und Rotation. Meistens entstehen hier geschlossene Frakturen.
  • Direkte Krafteinwirkung, besonders bei Rasanztraumen. Es werden hier überwiegend offene Frakturen verursacht.
  • Drehsturz auf das gebeugte Knie.

Nach der Häufigkeit kann man auflisten:
  • Verkehrsunfälle
  • Sportunfälle
  • häusliche Unfälle
  • Ermüdungsbrüche

Symptome eines Schienbeinbruchs

Ein Knochenbruch macht sich besonders durch folgende Beschwerden bemerkbar:
  • Starke Schmerzen in Höhe des Knochenbruchs.
  • Das Bein ist nicht mehr belastbar.
  • Blutergussverfärbte, schmerzhafte Schwellung.
  • Offener Bruch, das heißt die Knochenenden sind sichtbar.
  • Gefühlsstörungen durch Verletzung der Nerven
  • Bewegungsausfälle
  • Verdrehung bzw. Verformung des Unterschenkels.
  • Verkürzungsfehlstellung

Diagnose

Die Diagnose ist bei einem offenen Bruch eindeutig zu stellen, da sie nicht zu übersehen ist.

Weitere Untersuchungen dienen hier lediglich der Feststellung des Schweregrades der Verletzung und der Erkennung möglicher Begleitverletzungen. Eine Röntgenaufnahme aus zwei verschiedenen Richtungen ist hierbei völlig ausreichend, da sie meistens die wesentlichen Details des Bruchs aufzeigt. Weitere Untersuchungen sind in der Regel nicht notwendig. Besteht aber der Verdacht auf eine zusätzliche Verletzung der Blutgefäße, so kann  eine Ultraschalluntersuchung der Blutgefäße (Doppler-Sonografie) beziehungsweise eine Kontrastmitteldarstellung der Gefäße (Angiografie) erforderlich sein.

Daneben gibt es natürlich auch Verletzungen oder Beschwerden, die nicht eindeutig auf einen Bruch hinweisen. Beschwerden wie Schmerzen, Bewegungseinschränkungen, Schwellungen und Fehlstellungen sollten dennoch an einen Knochenbruch denken lassen und näher untersucht werden. Der Arzt führt hier zunächst eine Befragung (Anamnese) durch. Dabei sollten besonders bekannte Vorerkrankungen erwähnt werden, die zu einer Destabilisierung des Knochens führen und sich somit ohne äußere Einwirkung spontan Brüche bilden können.

Im Anschluss erfolgt die vorsichtige Untersuchung des Beines. Sind hierbei neben den oben erwähnten Symptomen auch eine deutliche Fehlstellung, falsche Beweglichkeit oder ein Knirschen (Krepitieren) beim Aneinanderreiben der Knochenbruchstücke zu beobachten, dann liegt mit großer Wahrscheinlichkeit ein Knochenbruch vor. Zudem wird gleichzeitig geprüft, ob begleitende Verletzungen oder Durchtrennungen der Nerven oder der Gefäße bestehen.
Die Diagnose wird in solchen Fällen erst durch Röntgenaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven gesichert. Selten sind weitere Untersuchungen wie Computertomografie, Kernspintomografie oder Ultraschalluntersuchung der Blutgefäße erforderlich. Sie dienen der Feststellung des Schweregrades der Verletzung. Dabei überprüft man vor allem ob Nerven oder Gefäße durchtrennt worden sind.
 

Differentialdiagnose

Differentialdiagnostisch kommen folgende Krankheitsbilder in Betracht:
  • Isolierte Fibulafraktur
  • Weichteilverletzungen ohne Fraktur
  • Tibiakopffraktur
  • Sprunggelenksfraktur
  • Pilon-tibial-Fraktur
  • Venenthrombose
  • Arterielle Verschlusskrankheit (paVK)
  • Polyneuropathie

Therapie

Es gibt unterschiedliche Ansichten über die beste Behandlungsmethode der Unterschenkelfraktur. Es gibt zahlreiche Studien, die sowohl den Erfolg einer konservativen (nicht-operative) als auch einer operativen Therapie belegen.
Trotzdem gilt hier die Devise: So konservativ wie möglich und so operativ wie nötig!

Die Entscheidung über die passende Therapiewahl wird abhängig vom Alter, Art und Schwere der Verletzung, den Bedürfnissen und individuellen Risiken des Patienten gefällt.
Derzeit gibt es kein allgemeinverbindliches Therapiekonzept.

Brüche mit geringen Fehlstellungen, z.B. Schuhrandbrüche oder leicht einzurichtende Brüche können mit einem Gipsverband behandelt werden.

Dagegen sind bei offenen Brüchen oft mehrere Eingriffe erforderlich, um den Weichteilmantel wiederherzustellen. Der Weichteilmantel erfüllt eine wichtige Aufgabe bei der Heilung des Knochenbruchs.

Wie bereits erwähnt wird der Unterschenkelbruch also operativ oder nicht operativ behandelt.

Konservative (nicht operative) Behandlung

Eine konservative Behandlung kann durchgeführt werden bei allen geschlossenen, nicht verschobenen, stabilen Brüchen. Die Behandlung wird am Anfang immer im Krankenhaus durchgeführt. Die Patienten erhalten zunächst Schmerzmittel, sowie weitere örtlich wirksame, abschwellende Maßnahmen. Zudem erfolgt eine Ruhigstellung des Beines mit einer Gipsschiene bis zum Oberschenkel.

Eine weitere Therapiemöglichkeit ist die Ruhigstellung des Beines durch Zug. Hierbei wird ein Draht oder Nagel durch das Fersenbein geschossen und über eine Seilverbindung mit einem Gewicht daran gezogen. Etwa vier Wochen später kann dann ein Oberschenkel-Gehgipsverband angelegt werden, der dann im Verlauf zum Unterschenkel-Gehgips gekürzt werden kann.

Eine konservative Therapie wird besonders dann bevorzugt, wenn am Bein Durchblutungsstörungen oder Hautschäden vorhanden sind oder eine örtliche Entzündung vorliegt. Wird man auch mit einer zuverlässigen Mitarbeit des Verletzten nicht rechnen können, z.B. durch mangelnde Einsicht aufgrund chronischen Alkoholmissbrauchs, so ist auch in diesem Fall eine konservative Therapie zu bevorzugen.

Der Heilungsprozess beträgt etwa drei bis vier Monate. Außerdem besteht durch die lange Ruhigstellungszeit im verletzten Bein, ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Thrombose (Blutgerinnselbildung). Zur Vorbeugung dieses Risikos werden Spritzen ins Unterhautgewebe injiziert.

Die Ruhigstellung führt auch zu einer Bewegungseinschränkung der benachbarten Gelenke. Obwohl mit der konservativen Therapie ein operativer Eingriff umgangen werden kann, sollte man neben den Risiken einer langen Gipsbehandlung, auch die Einschränkungen im täglichen Leben bedenken, z.B. Duschen nicht möglich.


Operative Therapie

Eine Operation sollte immer bei folgenden Bruchformen durchgeführt werden:

  • Offene Frakturen, also Brüche mit sichtbaren Knochenenden.
  • Brüche mit Verschiebungen, die sich ohne Operation nicht achsengerecht stellen lassen.
  • Komplett instabile Brüche
  • Zunächst konservativ behandelte Brüche, die aber trotz Behandlung nach vier Monaten immer noch nicht fest sind (verzögerte Knochenbruchheilung).


Wegen der erhöhten Infektionsgefahr ist besonders die Versorgung von Brüchen mit zusätzlicher Schädigung der Haut und Muskulatur schwierig.

Im Folgenden werden die verschiedenen Operationsverfahren vorgestellt, die zur Anwendung kommen:

Aufgebohrter Marknagel

Bei diesem Verfahren wird der Markraum (Hohlraum im Röhrenknochen) des Schienbeins aufgebohrt und ein Marknagel vom Schienbeinkopf her in den Markraum eingeführt. Besonders geeignet für dieses Verfahren sind Quer- und Schrägbrüche im mittleren Unterschenkeldrittel. Schon nach wenigen Tagen nach der Marknagelung ist wieder eine Vollbelastung möglich.

Verriegelungsnagel

Hier wird der Marknagel zusätzlich mit Querbolzen verschraubt und somit gut verriegelt. Diese Methode kommt insbesondere bei langen Drehbrüchen, Brüchen mit Trümmerzonen und gelenknahen Brüchen zur Anwendung.

Unaufgebohrter Marknagel

Hier wird der Nagel vom Schienbeinkopf her direkt in die Markhöhle eingeschlagen, ohne jegliches Vorbohren. Diese Form der Bruchversorgung ist bei offenen Brüchen und bei Brüchen mit großen Weichteilschäden möglich.

Stabilisierung mit Schrauben und Platten

Eine Stabilisierung mit Schrauben und Platten kann erforderlich sein bei Brüchen mit Gelenkbeteiligung, engem oder verformtem Markraum und bei Korrektureingriffen.

Versorgung mit äußerem Spanner (Fixateur externe)

Die Versorgung mit einem Fixateur externe wird meistens nur zur Erstversorgung bei Brüchen mit erheblicher, zusätzlicher Verletzung der Haut und Muskulatur durchgeführt. Dabei werden von außen in den Knochen, durch die Haut Stäbe eingebracht, die den Bruch stabilisieren. Im späteren Verlauf geht man dann auf eine andere Versorgungsart über, z.B. Gips oder erneute Operation mit Einbringen von stabilisierendem Metall.

Auch eine operative Behandlung ist nicht ohne Risiken, so bestehen hier neben den allgemeinen Operations- und Narkoserisiken, auch die Gefahr einer Thrombose. In diesem Fall ist ebenso ein gerinnungshemmendes Medikament als Spritze ins Unterhautfettgewebe zu spritzen.

Falls der Bruch mit einem Metall versorgt wurde, so muss häufig einmalig zur Vorbeugung einer Infektion ein Antibiotikum eingenommen werden. Offene Knochenbrüche dagegen müssen länger antibiotisch behandelt werden.

Wichtig zu beachten ist, dass in den Knochen eingebrachtes Metall, nach frühestens einem Jahr wieder entfernt werden sollte. Dies macht wiederum einen erneuten Krankenhausaufenthalt mit Operation erforderlich.

Im Anschluss an eine  konservative oder operative Therapie werden krankengymnastische Übungen durchgeführt. Sie sollen helfen den Knochen weiterhin zu stabilisieren und die Muskulatur zu stärken. Patienten mit operativ und stabil versorgten Brüchen können mit den Bewegungsübungen bereits kurz nach der Operation beginnen, d. h. nach Rückgang von Schwellung und Schmerzen. Am Anfang sollte man das Bein mit etwa 20 kg teilbelasten. Mit der Zeit erfolgt dann ein langsamer Belastungsaufbau.

Wird der Bruch durch eine Gipsruhigstellung therapiert,  so kann man mit den krankengymnastischen Übungen, erst nach der Gipsentfernung beginnen.

Wird der Unterschenkelbruch hingegen nicht behandelt,  so können lange Zeit starke Schmerzen und Schwellungen bestehen, die insbesondere bei Belastung auftreten. Zudem kann es zu einer Nicht-Heilung des Bruches mit Ausbildung eines falschen Gelenkes oder zum Verheilen des Bruches in einer Fehlstellung mit sichtbarer Verformung kommen.

Prognose

Die Heilungsaussichten sind in der Regel sehr gut, da ein Bruch in den meisten Fällen ohne Komplikationen verheilt. Insbesondere geschlossene Brüche zeigen meistens eine sehr gute Heilung. Offene Brüche dagegen sind problematischer, da oft keine ausreichende Weichteildeckung gegeben ist. In diesen Fällen sind oft weitere Eingriffe erforderlich.

In der Regel ist die Prognose bei konsequenter Therapie gut und ziemlich unabhängig von der durchgeführten Behandlungsmethode. Eine ungestörte Bruchheilung ist unter anderem abhängig von der Durchblutung und der stabilen Versorgung des Bruchs.

In etwa 90 Prozent sind die Therapieergebnisse sehr gut bis gut. Bei nur 5 Prozent der Patienten liegen schlechte Ergebnisse vor, meistens handelt es sich dabei um offene Brüche.
Entscheidend und wichtig ist es, Geduld zu haben, da es bis zu einem Jahr dauern kann, bis die gewohnten Tätigkeiten wieder ausführbar sind. In Ausnahmefällen sind sogar längere Zeiten erforderlich, insbesondere wenn es zur verzögerten Bruchheilung kommt und ein Wechsel des Therapieverfahrens notwendig ist. Komplikationen wie Thrombose, Wundheilungsstörung, Gefäß- oder Nervenschäden treten relativ selten auf. Obwohl Infektionen auch nur gelegentlich auftreten, sind sie bei Marknägeln wegen der langen Heilungsdauer besonders gefürchtet. In solchen Fällen muss dann der Nagel eventuell vorzeitig entfernt werden. Eine wichtige Komplikation bei offenen Brüchen dagegen ist die Entzündung, hier muss man daher besonders auf eine gute Durchblutung der Weichteile und frühzeitige Deckung des Knochens achten.

Hinweise für Patienten

In der Regel kann man den Heilungsprozess durch Motivation, aktive Mitarbeit und entsprechende Maßnahmen positiv beeinflussen. Wichtige Sofortmaßnahmen umfassen zunächst die Schienung, Hochlagerung und Kühlung des Beins durch Eisauflagen.

Einen Knochenbruch kann man unter Umständen vorbeugen durch:

  • Adäquates Verhalten im Straßenverkehr, beim Sport und bei der Arbeit.
  • Beachtung relevanter Sicherheitsvorschriften.
  • Kleidung und Schuhwerk bevorzugen, die eine Verletzungsgefahr minimieren.
  • Schutzmaßnahmen an Fahrzeugen befolgen.

Weiter wichtige Maßnahmen und hilfreiche Tipps sind:

  • Gehschulung: Entscheidend ist, dass die Patienten das Gehen an Gehstützen erlernen und den Gang schulen.
  • Physiotherapie: kräftigt die Muskulatur und fördert die Heilung.
  • Langsamer Belastungsaufbau (schrittweise)
  • Regelmäßig klinische und radiologische Kontrollen durchführen lassen, sowohl bei nichtoperativer und operativer Therapie.
  • Viel Geduld mitbringen!

 



Letzte Aktualisierung am 10.05.2010.

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