Seit den ersten Berichten über eine Häufung von ungewöhnlichen Infektionen (Pneumocystis carinii-Pneumonie (Lungenentzündung)) oder Tumoren (Kaposi-Sarkom) bei homosexuellen Männern, die alle an einer Immundefizienz (Immunabwehrschwäche) erkrankt waren, hat das wenig später in Frankreich und den USA identifizierte humane Immundefizienzvirus (HIV) einen festen Platz als wichtiger Erreger für Morbidität (Krankheitswahrscheinlichkeit) und Mortalität (Sterblichkeit) in der Welt eingenommen.
Das durch HI-Virus verursachte Krankheitsbild wird als AIDS (acquired immunodeficiency syndrome) bezeichnet. Gekennzeichnet ist die HIV-Infektion durch einen fortschreitenden Verlust der Immunabwehr infolge der chronischen Infektion.
HIV gehört zur Familie der Retroviridae. Es lassen sich die Serotypen HIV-1 und HIV-2 unterscheiden. Mittels molekulargenetischer Untersuchungen können zudem verschiedene HIV-Subtypen differenziert werden, die zum Teil eine unterschiedliche Virulenz (Grad der Pathogenität eines Errregers) aufweisen.
Mit dem Fortschreiten der Pandemie (Pandemie = länder- und kontinentenübergreifende Ausbreitung einer Krankheit) kam es zur weltweiten Vermischung der HIV-Sero- wie auch Subtypen.
In Deutschland wurden im Jahr 2004 insgesamt 1.928 neu diagnostizierte HIV-Infektion registriert. Dies entspricht einer Inzidenz (Zahl der Neuerkrankungen) von 2,3 pro 100.000 Einwohnern.
Auffällig ist hierbei der seit mehreren Jahren wiederholt überdurchschnittliche Anstieg der Infektionen bei homosexuellen Männern. Parallel dazu wird dieser Trend auch durch einen starken Anstieg bei anderen venerischen Infektionen (durch Geschlechtsverkehr übertragen), wie Syphilis und Gonorrhoe (Tripper), bestätigt, was ebenfalls auf ein vermindertes Praktizieren von "safer sex" hinweist.
Die größte Zunahme von Infektionen fand sich dabei in den Stadtstaaten Berlin und Hamburg. Die Übertragung von HIV erfolgt am häufigsten durch ungeschützten homo- oder heterosexuellen Geschlechtsverkehr (Anal-, Vaginalverkehr als auch orogenitale Kontakte).
Einen weiteren wichtigen Übertragungsweg stellt das Einbringen von erregerhaltigem Blut oder Blutprodukten in die Blutbahn dar. Hierzu gehören insbesondere Übertragungen durch "needle sharing" bei intravenös Drogensüchtigen, aber auch unfachgerechtes Piercing oder Tätowierungen. Übertragungen durch Blut oder Plasma sind in Industrieländern durch die angewendeten Testmethoden bzw. auch virusinaktivierenden Verfahren heute weitestgehend ausgeschlossen.
In Entwicklungsländern ist zudem die prä-, peri- oder postnatale - vor, während und nach der Geburt -Übertragung (Stillen) auf das Kind von epidemiologischer Bedeutung.
Nach einer symptomarmen Latenzzeit (Zeit ohne Symptome), die bei Unbehandelten durchschnittlich 10 bis 12 Jahre beträgt, treten opportunistische Infektionen (Infektionen, die durch eine Immunabwehrschwäche auftreten) und verschiedene Tumore auf, die das Vollbild von AIDS kennzeichnen. Die opportunistischen Infektionen werden durch eine Vielzahl bakterieller, viraler, parasitärer oder mykotischer Erreger (Pilze) verursacht.
Die häufigsten Tumore sind Lymphome sowie das Kaposi-Sarkom.
Für die Therapie von Patienten mit HIV-Infektion stehen verschiedene antivirale Substanzgruppen bzw. Präparate zur Verfügung, die an verschiedenen Stellen der Vermehrung des Erregers wirksam werden. Dies sind nukleosidische reverse Transkriptasehemmer, nukleotidische reverse Transkriptasehemmer, nicht-nukleosidische reverse Transkriptasehemmer, Proteaseinhibitoren, Fusionshemmer und Integraseinhibitoren.
Als Therapiestrategie wird derzeit eine Kombination verschiedener Substanzklassen (HAART = highly active antiretroviral therapy) empfohlen, wobei der Leitspruch "hit hard and early" gilt.
Zunehmend von Bedeutung ist in Folge der Langzeittherapie die Entwicklung von Resistenzen gegen die verschiedenen Substanzen. Dies führt zur Entstehung von multiresistenten HIV-Stämmen, die nach einer Ansteckung die Therapie für den Neuinfizierten nahezu unmöglich machen.
Die Diagnostik der HIV-Infektion beruht derzeit weiterhin auf einem serologischen Suchtest (Enzymimmunoassay, Immunfluoreszenztest), gefolgt von einem Bestätigungstest (Immunoblot). Zur Bestimmung der Viruslast, insbesondere zur Therapiekontrolle, wird ein quantitativer Nukleinsäureamplifikationstest eingesetzt.
Erst seit wenigen Jahren stehen molekulargenetische Untersuchungen zur Verfügung, durch die die Wirksamkeit bzw. die Resistenz bei Therapieversagern gegen verschiedene antivirale Substanzen getestet werden kann.
An der Entwicklung von Impfstoffen gegen HIV wird seit Jahren geforscht. Mit einigen Kandidatvakzinen wurden zudem klinische Prüfungen durchgeführt. Weder ist bislang ein Durchbruch gelungen, noch sind derzeit aussichtsreiche Kandidaten für die prophylaktische Impfung in realistischer Sicht. Parallel dazu laufen Untersuchungen zum Einsatz von therapeutischen Vakzinen. Auch mit diesem Konzept sind bislang keine Erfolge zu verzeichnen gewesen. Einziger weitgehend sicherer Schutz vor einer HIV-Infektion ist die konsequente Expositionsprophylaxe (Schutz vor Ansteckung, z.B. durch Kondome).
Nach dem Infektionsschutzgesetz §7 muss der direkte oder indirekte Nachweis von HIV gemeldet werden. Die Fallmeldungen beziehen sich daher nur auf labortechnisch bestätigte Infektionsfälle. Wenngleich nur Erstdiagnosen zur Meldung kommen, sind Doppelmeldungen mit einer gewissen Häufigkeit nicht ausgeschlossen.