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Erektile Dysfunktion und Impotenz: Sprachlosigkeit führt zu einem Teufelskreis

Lesezeit: 8 Min.

Impotenz in Form von Erektionsstörungen sind kein Thema – und dies ist bereits ein Teil des Problems - Experten-Interview zum Thema Erektile Dysfunktion

21.01.2005 - Erektionsstörungen sind kein Thema – und dies ist bereits ein Teil des Problems. Nur ein Bruchteil der von Impotenz Betroffenen vertraut sich einem Arzt oder einer Beratungsstelle an. Wir sprachen über das Thema mit Prof. Dr. med. Ulrich Wetterauer, Ärztlicher Direktor die Abteilung Urologie des Universitätsklinikums Freiburg und 1. Vorsitzender ISG - Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit e.V. Freiburg.

Prof Wetterauer, sind Erektionsstörungen eine Krankheit?

Prof. Wetterauer: In der Tat sind Erektionsstörungen als Krankheit aufzufassen. Die Auswirkungen der Erkrankung auf den Betroffenen, sein Selbstwertgefühl, seine Leistungsfähigkeit und seine Partnerschaft sind so gravierend, dass ihnen ein echter Krankheitswert zukommt. Es geht hier nicht um eine Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit, sondern darum, dass Betroffene ein Sexualleben haben können wie jeder andere gesunde Mann im gleichen Alter.

Wir haben sowohl als Ärzte des Universitätsklinikums als auch im Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit jahrelang dafür gekämpft, dass Erektionsstörungen von ihrem Tabu befreit werden und Hilfe, sei es im persönlichen ärztlichen Gespräch oder anonym bei einer Beratungsstelle angeboten wird.

Erektionsstörungen nehmen mit dem Alter zu. Dies geht parallel mit anderen zugrundeliegenden Erkrankungen oder Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, koronare Herzkrankheit und Bewegungsmangel. Die Behandlung von Erektionsstörungen muss deshalb immer auch die Grunderkrankung mit berücksichtigen oder einschließen.

Penis QuerschnittDer Einführung der ersten Potenzpille vor 5 Jahren ist es zu verdanken, dass das Tabu-Thema "Erektionsstörungen" mehr in das öffentliche Interesse gerückt ist und immer mehr Betroffene sich trauen, Hilfe und Behandlung zu suchen. Dennoch sind es Studien zufolge nur 10% aller Patienten mit Erektionsstörungen, die ihren Arzt auf die Problematik ansprechen. Welche Therapien der Wahl stehen zur Verfügung?

Prof. Wetterauer: Die Berichterstattung über die erste Potenzpille vor 5 Jahren hat  dem Tabuthema Erektionsstörungen sehr geholfen. Probleme mit der Sexualität können heute eher offen und nicht mehr hinter vorgehaltener Hand diskutiert werden. Leider hat die Berichterstattung die Erektionsfähigkeit auch manchmal in die Nähe einer olympischen Disziplin gerückt. Dies verunsicherte insbesondere auch jüngere Männer bezüglich ihrer eigenen sexuellen Leistungsfähigkeit.

Maßnahmen zur Behandlung von Erektionsstörungen werden schon lange angeboten. Hierzu zählt die Injektion von gefäßerweiterten Substanzen direkt in den Schwellkörper, hydraulisch arbeitende Implantate, die von außen unsichtbar in den Schwellkörper eingesetzt werden sowie Vakuum-Erektionshilfen.

Entscheidend bei den heute auf dem Markt befindlichen Phosphodiesterase-5-Hemmern ist, dass sie in Tablettenform eingenommen werden können und dies dem Wunsch der meisten Männer nach einer optimalen Behandlung entspricht. Die drei Medikamente Viagra®, Cialis® und Levitra® entfalten ihre Wirkung im Schwellkörper und nur zu einem geringen Teil in anderen Blutgefäßen. Dies ist der Grund für eine hohe Wirksamkeit bei durchschnittlich 60 bis 80 % aller Erektionsstörungen und einer gleichzeitig geringen Nebenwirkungsrate.

Nicht jedermann mit Erektionsstörungen wünscht eine Behandlung. Gründe hierfür sind der Verlust des Partners oder andere Erkrankungen. Das Interesse an der Sexualität bleibt jedoch bei allen Menschen bis ins Hohe Alter erhalten. Dass sich heute nur 10 bis 15 % aller Männer mit Erektionsstörungen an ihren Arzt wenden, ist enttäuschend.

Insbesondere deshalb, da wir heute mit den oben genannten unterschiedlichen Behandlungsformen nahezu allen Betroffenen helfen können. Es bleibt also noch viel Aufklärungsarbeit sowohl bei Betroffenen als auch bei Ärzten, den Betroffenen gegenüber zum Ausdruck bringen sollten, dass sie auf dieses Thema angesprochen werden können.

Erektionsstörungen nehmen im Alter zu, oft in Folge von Erkrankungen. Ist dies der einzige Grund, zum Arzt bzw Urologen oder einer Beratunsgstelle zu gehen, wenn es im Bett nicht mehr klappt?

Prof. Wetterauer: Erektionsstörungen können ihre Ursache im psychischen oder im organischen Bereich haben. Mit zunehmenden Alter überwiegen Erektionsstörungen, die organisch bedingt und Ausdruck einer allgemeinen Gefäßerkrankung sind. Wir kennen heute den Zusammenhang zwischen der koronaren Herzkrankheit und der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit und einer Erektionsstörung. Entscheidend ist bei all diesen Erkrankungen eine Störung oder Fehlfunktion der Endothelzellen, die die Blutgefäße im ganzen Körper und auch die für die Erektion wichtigen Hohlräume im Penisschwellkörper auskleiden.

Häufig ist eine Erektionsstörung beim älteren Mann Vorbote eines Herzinfarktes. Über 60% der befragten Männer berichteten, dass sie vor dem Ereignis eines Herzinfarktes auf schon Jahre vorher Erektionsstörungen bemerkten. Ein ähnlicher Zusammenhang besteht mit der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus). Heute wissen wir, dass ein Diabetiker mit einer Wahrscheinlichkeit von über 60% auch an einer Erektionsstörung erkranken wird. Noch gravierender ist die Kombination verschiedener Grunderkrankungen. Ein entscheidender Faktor kommt auch dem Rauchen zu. Raucher sind etwa doppelt so häufig impotent als Nichtraucher. Wichtig erscheint mir, dass jeder Arzt, der Erektionsstörungen behandelt, auch die anderen Grund- und Begleiterkrankungen mit im Blick hat und den Patienten dahingehend beraten kann.

Erfreulicherweise nimmt die Zahl der Männer zu, die zur Vorsorge zum Urologen hingehen. Neben der Früherkennungsuntersuchung zum Ausschluss eines Prostatakrebses geht es bei diesen Gesprächen auch immer mehr um die Sexualität, um Leistungsfähigkeit und Fitness sowie um Ernährung und Bewegung. Der Arzt wird so zum Begleiter des Menschen, der gesund bleiben will und auch bereit ist, selbst für seine Gesundheit etwas zu tun.

Penis LaengsschnittProblembewusstsein ist der erste Schritt zur Besserung, doch ED ist ein Tabu. Können auch Umweltbelastung und Streß in Zeiten wirtschaftlicher Probleme zu den Ursachen der ED gezählt werden?

Prof. Wetterauer: Die Kenntnis über die Zusammenhänge zwischen allgemeinem Lebensstil und der Sexualität muss allgemein besser werden. Auch Stress und ein hektischer Tagesablauf können Ursachen einer Erektionsstörung sein. Bei vielen Paaren bleibt oft überhaupt keine Zeit mehr für Zärtlichkeiten und Sexualität. Hinzu kommen Fernsehen oder Surfen im Internet, was viele Menschen bis in die Nacht hinein in Beschlag nimmt. Ein erfülltes Sexualleben braucht jedoch Zeit und Pflege.

Feministen beschweren sich, unsere Gesellschaft sei zunehmend sexualisiert. Haben die Medien Schuld an der Legende das dauerpotenten Mannes und dem Dilemma mit dem Problembewußtsein zum Thema Erektionsstörungen?

Prof. Wetterauer: Es sind nicht nur Feministen, die diese Entwicklung bedauern. Sexualität ist nicht öffentlich, sondern spielt sich zwischen zwei Menschen ab und hat etwas geheimnisvolles. Nicht selten halten die Medien die Mythen des dauerpotenten Mannes aufrecht. Vielleicht sollte man eher die Partnerinnen zu Wort kommen lassen, wie es damit in der Realität aussieht. Ich würde mir von der Presse wünschen, dass sie ihre Leser dazu auffordern, in der Partnerschaft über ihre sexuellen Wünsche und auch Probleme zu sprechen und ggf. professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Schätzungsweise 6 Millionen Patienten sind in Deutschland von Erektiler Dysfunktion betroffen. Erektile Dysfunktion ist nicht nur mit gravierenden Belastungen für das Selbstwertgefühl und die Partnerschaft verbunden, sondern kann zur Reduzierung gesellschaftlicher Kontakte hin zu Isolation und Depression führen. Ist ED eine Bedrohung für die Arbeitswelt, gibt es Informationen darüber, wieviele Männer im Berufsleben infolge ED ausfallen?

Prof. Wetterauer: Nicht alle der geschätzten 6 Millionen Männer mit Erektionsstörungen leiden darunter. Die Erektion ist ja nicht das einzige Mittel, um in einer Partnerschaft glücklich und zufrieden zu sein.

Trotzdem wissen wir, dass eine erektile Dysfunktion des Selbstwertgefühl des Mannes erheblich beeinträchtigt. Dies führt zu Veränderungen in der Partnerschaft, wobei sich der Mann zurückzieht und den Austausch von Zärtlichkeiten vernachlässigt als auch häufig zu einem passiven Rückzug im gesellschaftlichen und Berufsleben. Der erektionsgestörte Mann meidet Kontakte und fällt häufiger am Arbeitsplatz aus. Eine Bedrohung für die Arbeitswelt sehe ich hierin jedoch nicht.

Häufigkeit der Erektilen Dysfunktion



Der Urologe als "Männerarzt" ist nicht so populär wie die Frauenarzt: Frauen nehmen mehr Vorsorgemöglichkeiten wahr als Männer. Männer das starke Geschlecht - ein Irrtum, der auch zur Tabuisierung des Themas ED führt?

Prof. Wetterauer: Männer sind nur dann das starke Geschlecht, wenn es um die Muskelkraft geht. Sie haben offensichtlich noch nicht zur Kenntnis genommen, dass sie im Durchschnitt 7 Jahre vor den Frauen ableben. Als Ursachen hierfür werden die Gene des Mannes, hormonelle Veränderungen aber insbesondere das Verhalten und der Umgang mit dem eigenen Körper diskutiert. Männer neigen eher zu Risikosportarten, zu ungesunder Ernährung und Risikofaktoren wie das Rauchen.

Für die Frau ist eine Selbstverständlichkeit, regelmäßig an Vorsorgeuntersuchungen teilzunehmen. Bei Männer ist dies nur ein geringer Anteil von 10 bis 15%. 85 % der Männer gehen nur zum Arzt, wenn sie bereits Beschwerden haben. Entscheidend ist, dass Männer Störungen und Krankheiten nur dann wahrnehmen und akzeptieren, wenn sie mit ihrem männlichen Selbstbild vereinbar sind. Vom Sportunfall berichtet man gerne im Kollegenkreis; über Herzerkrankungen oder gar Erektionsstörungen schweigt man lieber.

Therapieversager haben es besonders schwer. Es gibt in Deutschland circa  500.000 Männer mit Erektionsstörungen, die den Schritt zum Arzt gewagt haben, bei denen das verschriebene Medikament jedoch nicht gewirkt hat. Welche Behandlungs-Möglichkeiten gibt es?

Prof. Wetterauer: Jede Behandlung hat auch Therapieversager, was daran liegt, dass der Schweregrad von Erektionsstörungen ganz unterschiedlich ist. Der Wunsch nach einer nach einer wirksamen in Tablettenform steht in der Gunst der Männer ganz oben. Hiermit können jedoch nur 60 bis 80% der Patienten/ Betroffenen erfolgreich behandelt werden. Ist die Erkrankung soweit fortgeschritten, dass die Gefäße im Schwellkörper weitgehend zerstört sind, kann deshalb die Therapie in Tablettenform auch versagen.

Hier kann es dann sinnvoll sein, ein Medikament direkt in den Schwellkörper zu spritzen. Aber selbst wenn das Schwellkörpergewebe überwiegend zugrunde gegangen ist, besteht die Möglichkeit eines operativen Eingriffs mit dem Einsetzen eines Penisimplantates, was auch diesen Männern zu einem befriedigenden Sexualleben verhelfen kann.

Bei der Behandlung mit Phosphodiesterase-5-Hemmern ist es wichtig, nicht gleich nach der ersten Tabletteneinnahme von einem Therapieversagen auszugehen. In der Regel sind 4 bis 8 Tabletteneinnahmen notwendig, um sich an die neue Situation zu gewöhnen und die Wirkung des Medikaments abschätzen zu können. Bei leichten Störungen kann es nach neueren Studien auch sinnvoll sein, regelmäßig kleine Dosen eines Phosphodiesterase-5-Hemmers einzunehmen, was dann wieder zu einer völligen Wiederherstellung der Erektionsfähigkeit ohne Medikamente führen kann.

Welche Fortschritte gibt es auf dem Gebiet der Schwellkörper-Implantate?

Prof. Wetterauer: Es gibt heute hydraulische Schwellkörperimplantate, die den schlaffen und erigierten Zustand des Penis nachahmen. Über eine kleine Pumpe im Hodensack lässt sich eine Erektion auslösen. Diese Maßnahme ist mit einem operativen Eingriff in Narkose verbunden. Die Zufriedenheit beim Betroffenen und auch der Partnerin ist jedoch sehr hoch.

Betroffene leiden häufig an Versagensängsten und ziehen sich aus der partnerschaftlichen Beziehung zurück. Wer auf die Sexualität verzichtet, gibt auch ein Stück seiner Gesundheit auf. Welche Beratungs-Möglichkeiten können Männer wahrnehmen, zahlt die Krankenkasse?

Prof. Wetterauer: Sexualität hält gesund! Männer, die sexuell aktiv sind, leben länger, bekommen seltener Herzinfarkte und sind zufriedener.

Viele Männer bevorzugen es, zunächst eine anonyme Beratungsstelle anzusprechen. Aus diesem Grund haben wir auch vor 5 Jahren das ISG - Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit als gemeinnützigen Verein gegründet. Wir versenden kostenlos Informationsmaterial zu Erektionsstörung und vielen anderen Fragen dieses Umfelds. Zusätzlich stehen geschulte Mitarbeiter am Telefon für Fragen zur Verfügung. Wir tragen dem Umstand Rechnung, dass Betroffene zunächst einmal anonym sich aussprechen wollen und Informationen zu ihren Fragen erhalten, die sie mit ihrem Arzt und oft auch mit ihrem Partner zunächst nicht besprechen wollen.

Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Patienten darin zu stärken ihr Problem anzugehen, mit ihrem Partner das Problem zu besprechen und einen Arzt aufzusuchen. Die Beratung und Untersuchung beim Arzt wird von der Krankenkasse getragen. Lediglich die Behandlungskosten müssen heute vom Patienten selbst getragen werden.Viele Informationen zu Problemen rund um die Sexualität finden Sie im Internet unter http://www.isg-info.de. Dort finden Sie auch den Risikocheck FRED, mit dem Männer ihr Risiko für Erektionsstörungen einschätzen können.

Findet dieses Jahr im Juni wieder ein Männergesundheitstag statt, wenn ja, wann?

Prof. Wetterauer: Ein Männergesundheitstag in Freiburg ist erst wieder im Jahr 2005 geplant. Im Jahr 2003 hatten wir eine große Bühne und Informationsstände zum Thema Männergesundheit in der Freiburger Innenstadt aufgebaut. Dies hat über 5.000 Besucher angelockt, an den Vorträgen und an Gesundheitschecks teilzunehmen. Dieses Interesse hat uns gezeigt, dass sich doch immer mehr Männer vom Gesundheitsmuffel zum gesundheitsbewussten aktiven Mann entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

Letzte Aktualisierung am 28.08.2017.
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