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Heiße Diskussion um die Gesichts-Transplantation

Lesezeit: 3 Min.

Rekonstruktion nach Krankheit und Unfällen geht meist auch mit körpereigenem Gewebe

17.03.2006 - Die französischen Chirurgen Jean-Michel Dubernard und Bernard Devauchelle gingen im November 2005 in der Transplantationsmedizin einen Schritt weiter, als irgendein Chirurg zuvor. Sie verpflanzten bei der weltweit ersten Gesichts-Teiltransplantation einer 38 Jahre alten Patientin mit ausgedehnten Weichteildefekten des Gesichtes Gewebe von einer hirntoten Organspenderin.

Die Transplantation innerer Organe wie Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse oder der Nieren ist mittlerweile zur Routine geworden. Solche Eingriffe sind lebenserhaltend, verlängern das Leben der Betroffenen oder ermöglichen eine enorme Verbesserung der Lebensqualität. Eine Gesichtstransplantation hingegen ist weder lebenserhaltend noch verlängert sie das Leben. Die damit verbundenen Risiken sind bisher nur unzureichend abzuschätzen.

Das Gewebe, bestehend aus Haut, Fettgewebe, Muskulatur, Nerven und Blutgefäßen, das in einen fremden Organismus verpflanzt wird, ruft intensive Abwehrreaktionen beim Empfänger hervor. Die Therapie zur Immunsuppression muss daher in höherer Dosis als bei anderen Organtransplantationen erfolgen. Erfahrungen auf diesem Gebiet wurden bei weltweit 18 Handtransplantationen gewonnen.

Die Gewebezusammensetzung der Hand ist der des Gesichtes einigermaßen ähnlich. Es konnte somit gezeigt werden, dass solche Eingriffe technisch möglich sind. Es muss aber für jeden einzelnen Fall intensiv geprüft werden, ob es gerechtfertigt ist, den Patienten den Risiken des Eingriffes und der Gefahr des möglichen Misserfolges einer Transplantation auszusetzen.

Ein früh auftretendes Risiko ist der Verschluss der mikrochirurgischen Gefäßnaht durch ein Blutgerinnsel. Ein dauerhaft bestehendes Risiko für die betroffenen Patienten besteht in der Gefahr einer lebensbedrohlichen Infektion, begünstigt durch die immunsuppressive Therapie. Auch das Risiko, an Krebs zu erkranken, ist durch diese Medikamente signifikant erhöht.

In der Plastischen Chirurgie nimmt die rekonstruktive Gesichtschirurgie seit jeher einen besonderen Stellenwert ein. Frühe Pioniere und die Begründer des Fachgebietes entwickelten grundlegende Operationsverfahren und erwarben anatomische Kenntnisse für die Rekonstruktion. Seither führten verbesserte Operationsverfahren, wie insbesondere die Mikrochirurgie, neue Lappenplastiken und moderne anatomische Kenntnisse zu einem enormen Anstieg des Wissens und der operativen Möglichkeiten.

Der Fachausdruck Lappenplastik beschreibt die Verpflanzung komplexer Gewebeverbände am Körper des Patienten. Diese Gewebe können aus Haut und Unterhautfettgewebe bestehen, aber auch zusätzlich Anteile von Muskulatur, Faszien, Nervengewebe, Knochen, Knorpel und Sehnen enthalten. Das Gewebe kann dabei aus der unmittelbaren Umgebung eines Defektes stammen oder an einem Blutgefäßstiel über größere Entfernungen verpflanzt werden, bis hin zur freien Lappenplastik, bei der ein mikrochirurgischer Gefäßanschluss erforderlich ist.

Gesichts-Transplantation


Ein wichtiges Verfahren zur kompletten Gesichtsrekonstruktion wurde an der Klinik für Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum Aachen entwickelt. Zur Rekonstruktion dient hierbei eine vorgedehnte und dadurch besonders dünne, gefäßgestielte Hautlappenplastik von der Schulterregion.

Für einen Großteil der Patienten mit ausgedehnten Defektverletzungen im Gesicht besteht mit den zuvor genannten Methoden die Möglichkeit zur Gesichtsrekonstruktion mit sehr guten funktionellen und auch ästhetischen Ergebnissen. Zwar ist oftmals mehr als nur ein operativer Eingriff erforderlich, um eine komplette Wiederherstellung zu erreichen. Die Verpflanzung von körpereigenem Gewebe beinhaltet aber kein Langzeitrisiko für den Patienten.

Die Gesichtstransplantation wird auch in Zukunft weiter entwickelt werden und wiederholt zur Anwendung kommen. Besonders bei Opfern von schweren Brandverletzungen steht oft nicht genügend unverletztes körpereigenes Gewebe zur Verfügung. In solchen Ausnahmefällen kann die Gesichtstransplantation zur letzten Möglichkeit der Wiederherstellung werden.

Spezialisierte Zentren in den USA, Großbritannien, Spanien, Frankreich und den Niederlanden forschen an verbesserten Therapiemöglichkeiten zur Verhinderung der Abwehrreaktionen des Körpers. Die gleichzeitige Transplantation von Knochenmark-stammzellen mit der Gesichtstransplantation zeigte im Tierexperiment viel versprechende Erfolge. Große Hoffnungen für die Zukunft werden auf das so genannte Tissue Engineering gesetzt. Die Züchtung körpereigenen Gewebes durch Vermehrung von Zellen im Labor führt heute aber noch nicht zu ausreichend großen und komplex aufgebauten Gewebeverbänden, wie sie für eine Wiederherstellung des Gesichtes erforderlich sind.

So sind die Operationsverfahren der Rekonstruktiven Plastischen Chirurgie für Patienten mit ausgedehnten Defekten des Gesichtes die beste Möglichkeit zur Wiederherstellung. In den meisten Fällen kann damit ein sehr gutes Ergebnis erreicht werden.

Prof. Dr. med. Norbert Pallua ist italienischer Staatsbürger, studierte in Innsbruck und Wien, promovierte in Berlin und absolvierte einen Studienaufenthalt in Boston; er verfügt über vielfältige Qualifikationen: Chirurg, Plastischer Chirurg, Zusatzbezeichnung Rettungsmedizin, Bereichsbezeichnung Handchirurgie, Europäischer Facharzt für Plastische Chirurgie; Professor Pallua arbeitete am Universitätsklinikum Rudolf Virchow in Berlin und der Medizinischen Hochschule Hannover ehe er 1997 als Ordinarius für Plastische, Hand- und Verbrennungschirurgie an das Universitätsklinikum der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen berufen wurde.

Im November 2004 erhielt er eine Honorarprofessur an der Universität Nanjing/ China und den Titel eines Gastdirektors der Klinik für Plastische Chirurgie am Jiangtsu Provincial Hospital, ebenfalls in Nanjing; er ist der Vertreter der DGPRÄC im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, bei der European Union of Medical Specialists, European Board of Plastic, Reconstructive and Aesthetic Surgery, European Association of Plastic Surgeons und der International Confederation of Plastic Reconstructive and Aesthetic Surgery; im Präsidium der DGPRÄC trägt er die Verantwortung für die Sektion "Rekonstruktive Chirurgie".
Letzte Aktualisierung am 28.08.2008.
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