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Experteninterview Thema Magersucht

Lesezeit: 8 Min.

Was ist Anorexia nervosa?

Was ist Anorexia nervosa?

23.09.2004 - Der Begriff "Anorexia nervosa" (Magersucht) ist eigentlich eine Fehlbezeichnung für die Krankheit. Der Begriff "Anorexia" stammt aus dem neulateinischen und bedeutet Appetitlosigkeit. Dies ist eigentlich eine Fehlbezeichnung für die Krankheit. Denn obwohl die Nahrungsaufnahme erheblich eingeschränkt wird, liegt die Ursache der Magersucht nicht in mangelndem Appetit. Meist verspüren Magersüchtige sogar über einen ausgeprägten Appetit, unterdrücken das Hungergefühl jedoch.

Magersucht ist eine psychosomatische Krankheit, die auf psychisch-körperlichen Wechselwirkungen beruht. Meist sind seelische Konflikte Ursache für die Entstehung der Krankheit. Sie zeichnet sich durch eine extreme Gewichtsabnahme beziehungsweise Halten eines sehr niedrigen Gewichtes aus, begleitet von der ständigen Angst zu dick zu werden. Das niedrige Gewicht wird durch Fasten oder eine zu geringe Kalorienaufnahme sowie exzessive körperliche Aktivitäten erzielt.

Welche Risikogruppen gibt es für Anorexia nervosa?

Meistens sind besonders Mädchen und junge Frauen vom Schlankheitswahn betroffen. Mittlerweile tritt die Magersucht allerdings auch zunehmend bei Männern auf. Ebenso betroffen sind Personen, die aufgrund ihrer sportlichen Aktivitäten oder aus beruflichen Gründen auf ihr Gewicht achten müssen wie zum Beispiel Models, Tänzer, Turner, Eiskunstläufer, Ruderer oder Skispringer. Auch unter den Läufern ist die Magersucht weit verbreitet.

Häufig erkranken Mädchen aus der Mittel- und Oberschicht während der Pubertät an der Magersucht. Die Altersspanne vom 15. bis 25. Lebensjahr gilt hierbei als Risikogruppe. Oft entsteht die Erkrankung kurz nach dem Einsetzen der ersten Menstruation, also um das 14. Lebensjahr. Neben diesem Erkrankungsgipfel tritt die Essstörung auch etwa im 18. Lebensjahr gehäuft auf. Mehr und mehr findet sich die Magersucht allerdings auch bei Personen beiderlei Geschlechts und jeden Alters, sogar schon bei Kindern, denen durch Kino, Fernsehen, Werbung, Freunde oder Familie der Eindruck vermittelt wird, dass die äußere Erscheinung das Wichtigste ist und dass man nur geliebt wird, wenn man schlank ist.

Welche Ursachen gibt es für die Entstehung der Krankheit, warum nehmen die Betroffenen weiter ab, obwohl sie über ein ausgeprägtes Hungergefühl verfügen?

Die Ursachen der Magersucht sind vielfältig und individuell verschieden. Viele nehmen ab, um sich selbst etwas zu beweisen und wegen des Gefühls ihren Körper unter Kontrolle zu haben. Da für viele leistungsorientierte, willensstarke und übermotivierte Menschen eine schlanke Figur das Wichtigste im Leben ist und sie sich extrem über ihren Körper definieren, sind solche Menschen besonders anfällig für Äußerungen von Bekannten oder Freunden bezüglich ihrer Figur. Kleine Sticheleien vom Freund wie: "Na mein Specki" oder die Forderungen der Ballettlehrerin an ihre Schülerin, sie solle zwei Kilo abnehmen, damit es mit dem Tanzen besser klappt, können für viele junge Frauen schon Auslöser für eine Anorexie sein.

Eine entscheidende Rolle spielt aber auch die Familie der Magersüchtigen bei der Entstehung der Essstörung. Magersucht tritt häufig in Familien mit starken Bindungen auf, in denen ein großes Harmoniebestreben herrscht. Die Krankheit kann zur Aufrechterhaltung des Familienszusammenhaltes sowie der Ableitung von Spannungen und Konflikten dienen. In einigen Fällen ist die Magersucht auch Folge psychosexueller Entwicklungskrisen. Einige Magersüchtige scheuen sich vor der Sexualität (häufig hervorgerufen durch sexuelle Nötigung) und berauben durch die Krankheit ihren Körper um seine sekundären Geschlechtsmerkmale, wodurch die sexuelle Signalwirkung des Körpers reduziert wird. Es kommt dann auch zum Ausbleiben der Monatsblutung.

Inwiefern spielt die Familie eine so große Rolle bei der Entstehung der Essstörung?

Der zentrale Ursachenkomplex der Magersucht liegt in der starken Bindungsdynamik der Familie. Häufig leben die Familien nach dem Motto: "Geben ist besser denn Nehmen. Wer verzichtet, ist ein wertvoller Mensch." Magersucht beginnt meistens zu einem Zeitpunkt, wenn die natürliche Ablösung von der Familie erfolgen soll, nämlich in der Pubertät. Hier sind Individualität und Selbständigkeit für ein ausgeglichenes Heranwachsen nötig.

In Magersuchtfamilien sind diese Abnabelungsprozesse nicht möglich. Strenge Strukturen wie jeden Sonntag zur Oma zum Nachmittagskaffee oder jeden Abend Punkt 18 Uhr mit der ganzen Familie gemeinsam zu Abend essen, halten die Jugendlichen davon ab sich mit Gleichaltrigen zu treffen und altersangemessene Aktivitäten auszuüben. Die Magersucht ist dann häufig eine Protestreaktion.

In Magersuchtsfamilien tritt ungewöhnlich häufig die Verlust- und Trennungsthematik auf. Trennungs- und Verlustängste wandeln sich in diesen Familien schnell in Sorge, liebende Fürsorge und ein erhöhtes Verantwortungsgefühl für den anderen. Die Kinder können sich dieser übertriebenen Fürsorge häufig nicht entziehen und flüchten in die Magersucht. Die ständige Gewichtsabnahme stellt für das Kind eine Möglichkeit dar, die Familie in Alarmzustand zu versetzen. Es drückt durch das Abnehmen indirekt aus, dass es nach etwas "hungert" wie zum Beispiel Anerkennung und Aufmerksamkeit der Eltern. Die Rolle der Familie bei der Entstehung der Anorexie ist allerdings sehr komplex und individuell verschieden. Neben den genannten Gründen, gibt es noch zahlreiche andere Ursachen die eine Magersucht innerhalb der Familie begünstigen. So kann beispielsweise auch Konkurrenzkampf unter Geschwistern ein Grund für die Essstörung sein.

Welche Methoden wenden Magersüchtige zur Gewichtsreduktion an?

Magersüchtige schränken die Nahrungsaufnahme extrem ein. Kalorienreiche Lebensmittel wie Kuchen, Schokolade oder fettreiche Mahlzeiten werden völlig vom Speiseplan gestrichen. Häufig essen die Betroffenen nur noch Obst, rohes Gemüse, fettarmen Joghurt oder trockenen Reis sowie Kartoffeln ohne Soße. Sie halten sich täglich an eine selbst festgelegte Kalorienzahl, die nicht überschritten werden darf, wie beispielsweise 1000 Kalorien oder auch mal 1300 Kalorien, wenn ausreichend Sport getrieben wurde. Der Genuss am Essen geht dabei völlig verloren.

Das Essverhalten von Magersüchtigen ist individuell verschieden, manche essen extrem langsam und trinken vor den Mahlzeiten literweise stilles Mineralwasser um das Hungergefühl zu unterdrücken und andere wiederum nehmen Abführmittel, Diuretika oder trinken Sauerkrautsaft oder ähnliches zur schnelleren Verdauung. Magersüchtige kennen alle Diättricks und Kalorientabellen auswendig. Neben der Kalorienreduktion besteht häufig ein übertriebener Bewegungsdrang, der durch Schwimmen, Jogging, Aerobic oder anderer körperlicher Aktivität befriedigt wird. Aus Angst vor "Fettpölsterchen" tun Magersüchtige alles für einen athletischen Körperbau, oft solange bis sie vor lauter Erschöpfung zusammenklappen. Manche Anorektiker stecken sich auch nach dem Essen den Finger oder die Zahnbürste in den Hals und erbrechen. Der Übergang von der Anorexia nervosa zur Bulimia nervosa ist daher oft fließend. Bei vielen tritt eine Mischung von Symptomen auf, man spricht dann von einer Bulimanorexie.

Führt ein solches Verhalten nicht zu großen sozialen Problemen, was machen Magersüchtige wenn sie mal zum Essen eingeladen sind?

Selbstverständlich führt das zwanghafte Verhalten zu Problemen. Soziale Kontakte werden immer mehr gemieden und Einladungen zum Essen wird geschickt aus dem Weg gegangen oder es wird behauptet sie hätten schon gegessen. Häufig werden auch Klassenfahrten oder Freizeitreisen mit Freunden gemieden. Denn das Problem bei solchen Ausflügen ist nicht nur, dass die Magersüchtigen in solchen Fällen nicht ihre gewohnten Essstrukturen beibehalten können, sondern auch die Tatsache dass sie in der fremden Umgebung ihr Trainingsprogramm nicht durchführen können. Somit isolieren sich Magersüchtige immer mehr von ihrer Umwelt und ihren Freunden. Sie leben dann nur noch in ihrer eigenen von Zwängen beherrschten Welt.

Wieso beenden die Betroffenen nicht irgendwann die Gewichtsreduktion, warum merken sie nicht, dass sie schon viel zu dünn sind?

Magersüchtige haben eine gestörte Körperwahrnehmung, sie fühlen sich auch dann noch zu dick, wenn sie bereits ein lebensbedrohliches Untergewicht erreicht haben. Selbst wenn sie dennoch bemerken, dass sie zu dünn sind, schaffen sie es nicht aus eigener Kraft zuzunehmen. Selbst der Gedanke an eine Gewichtszunahme von nur einem Kilogramm versetzt sie in Angst, fett werden zu können. Sie fürchten sich davor, die Kontrolle zu verlieren und nicht mehr mit dem Zunehmen aufhören zu können, so wie es mit der Gewichtsabnahme der Fall ist.

Zu welchen Komplikationen, sowohl psychischen als auch physischen Ursprungs, kann es bei der Essstörung kommen?

Mit zunehmender Gewichtsabnahme werden Magersüchtige psychisch immer labiler und leiden häufig an Depressionen und großen Stimmungsschwankungen. Körperliche Erschöpfung und Konzentrationsstörungen gehen mit einer größeren Infektanfälligkeit sowie Herz- Kreislaufstörungen einher. Die meisten Anorektiker haben auch einen viel zu niedrigen Puls und Blutdruck.

Außerdem sind die Blutwerte aufgrund der Mangelernährung extrem schlecht. Darüber hinaus kann es zu weiteren unangenehmen Begleiterscheinungen wie Haarausfall oder Lanugo-Behaarung an Armen und Beinen kommen. Das Ausbleiben der Menstruation ist ebenfalls ein Erkennungszeichen für die Unterernährung. Die Unterversorgung des Gehirns hat Konzentrations-, Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstörungen zur Folge. Darüber hinaus ist noch Jahre später bei ehemals Magersüchtigen ein gehäuftes Auftreten von Knochenbrüchen und Osteoporose zu beobachten.

Wie kommt es, dass Angehörige der Magersüchtigen die Krankheit erst sehr spät bemerken, wieso greifen sie nicht ein?

Magersüchtige können ihre Krankheit zumindest am Anfang noch gut verbergen. Gerade im Winter fällt ein dünner Körper unter weiten Hosen und dicken Pullovern nicht so schnell auf. Berufstätige Eltern, die den ganzen Tag nicht zuhause sind, bemerken oft nicht das veränderte Essverhalten des Kindes. Magersüchtige werden zu guten Lügnern und schwindeln ihre Eltern oder Bekannte an, wenn es um das Thema Essen geht. So wird behauptet, sie hätten schon bei Freunden gegessen oder erzählen, sie hätten gerade eine Packung Kekse verdrückt, obwohl sie lediglich einen Krümel davon gekostet haben.

Nicht selten landet auch das von Mama geschmierte Pausenbrot in der Mülltonne oder wird an Freunde verschenkt. Magersüchtige reagieren extrem wütend, wenn man sie auf ihr Essverhalten oder auf ihre Figur anspricht, dann wird mit aller Kraft die Krankheit verleugnet. Das Problem ist auch, dass Magersüchtige sich selbst nicht eingestehen, dass sie krank sind, und nicht zum Arzt oder zum Therapeuten gehen wollen, auch wenn ihre Eltern oder andere Angehörige sie dazu drängen.

Wie lässt sich diese Essstörung behandeln?

Ein stationärer Klinikaufenthalt mit begleitender Psychotherapie von mindestens 8 Wochen ist erforderlich, um wieder ein normales Essverhalten und eine gesunde Körperwahrnehmung entwickeln zu können. Hierzu wurden verschiedene Konzepte zur Behandlung der Magersucht entwickelt. Entscheidend ist bei der Psychotherapie vor allem eine gute Beziehung zwischen Betroffenen und Therapeuten. Mit Hilfe der Verhaltenstherapie beispielsweise erlernen Magersüchtige den richtigen Umgang mit dem Essen und mit der Zeit. Eine körperorientierte Physiotherapie ist wichtig für die Behebung der Körperwahrnehmungsstörung und unterstützt die Betroffenen dabei, wieder ein Gefühl für ihren Körper zu bekommen. Neben Massagen und anderen Entspannungstechniken stehen leichte Übungen zur Kräftigung der Muskulatur auf dem Programm.

Besonders wichtig ist die Familientherapie, die zur Klärung der innerfamiliären Konflikte dient. In der Gestaltungstherapie oder Musiktherapie bekommen die Patienten die Möglichkeit, ihre Gefühle auf eine andere Art auszudrücken als über das Hungern. Die Gesprächstherapie ist wichtig, damit die Patienten lernen, über ihre Probleme und Gefühle zu sprechen. Die meisten Magersüchtigen sind zu Beginn der Therapie dem Therapeuten gegenüber sehr verschlossen und scheuen sich davor über ihre Erkrankung zu reden. Im Laufe einer guten Psychotherapie verändert sich dieses verschlossene Verhalten jedoch, so dass tiefenpsychologische Verfahren beim Erkennen, Bearbeiten und Verändern von hinderlichen beziehungsweise krankheitsverursachenden Verhaltensmustern helfen können.

Die Patienten müssen bei der Entlassung ein stabiles Gewicht erreicht haben, das gesundheitlich unbedenklich ist und bei dem es bei möglichen Infekten nicht gleich wieder zu einer lebensbedrohlichen Gewichtsabnahme kommt. Ziel der Therapie ist neben einer Veränderung des Essverhaltens und der Gewichtszunahme vor allem auch das Erlernen eines vernünftigen Umgangs mit dem eigenen Körper und die Veränderung der zwangsgesteuerten Denkmuster. Das Selbstwertgefühl der Patienten soll gestärkt werden. Sie sollen lernen, ihren Körper so zu mögen wie er ist und sollen einsehen, dass man sich nicht nur über gute Leistungen definieren muss, um Anerkennung zu bekommen.

Wie sind die Heilungschancen bei der Anorexia nervosa?

Je kürzer die Krankheitsdauer und je weniger Begleiterkrankungen auftreten, desto besser sind die Heilungschancen. Untersuchungen ergaben, dass fünf bis zehn Jahre nach Behandlungsende etwa die Hälfte der Patienten keine Symptome einer Essstörung hatte, bei einem Viertel ist eine Verbesserung und bei einem weiteren Viertel eine Verschlechterung eingetreten oder sie sind verstorben. Die Anorexie fordert mehr Opfer als jede andere psychiatrische oder psychosomatische Störung. Die häufigste Todesursache sind Infektionen, Unterernährung, Wasser- und Elektrolytverlust. Erschreckend ist, dass viele Anorektiker/innen Selbstmord begehen.

In den meisten Fällen sind die Betroffenen nach dem stationären Aufenthalt in der Klinik noch nicht geheilt, lediglich die Symptome haben sich verbessert. Häufig wenden Magersüchtige auch verschiedene Tricks an, um den Klinikaufenthalt zu verkürzen. Nicht selten werden vor dem Wiegetermin zwei bis drei Liter Wasser getrunken, um mehr Gewicht auf die Waage zu bringen und um das Entlassungsgewicht schneller zu erreichen. Dieses Verhalten verdeutlicht, dass die Patienten noch nicht geheilt sind und beweist, wie wichtig eine weitere ambulante Therapie ist. Bei vielen Patienten reicht ein einmaliger Krankenhausaufenthalt oft nicht aus, und sie müssen ein weiteres Mal in stationäre Therapie.

Die Wenigsten werden völlig geheilt. Zwar ändert sich das Essverhalten, viele leiden jedoch noch viele Jahre nach der Erkrankung unter ihrem Zwangsverhalten. Nachuntersuchungen zeigen leider auch, dass ein Teil der ehemals Erkrankten später unter anderen psychischen Erkrankungen leiden. Die Essstörung ist zwar nicht mehr vorhanden, dafür treten Depressionen oder weitere Suchterkrankungen wie Drogen-, Alkohol- oder Tablettenmissbrauch auf.
Letzte Aktualisierung am 28.08.2008.
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