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Binge-Eating: eine neue Zivilisationskrankheit?

Lesezeit: 4 Min.

Binge-Eating-Disorder: in Deutschland die häufigste Essstörung

Die Binge-Eating-Disorder (BES: Disorder = Störung) ist ein relativ neuer Krankheitsbegriff, der erstmals 1959 in den USA geprägt wurde, den es aber erst seit 1994 als eigenständige Diagnose gibt. Die BES betrifft etwa 2% der Bevölkerung in Deutschland und ist damit die häufigste Essstörung. Immer mehr Menschen sind aufgrund von Modetrends, Schlankheitswahn und Überfluss an Lebensmitteln bereits von der Krankheit betroffen, so dass sich Binge-Eating-Disorder zu einer weiteren Zivilisationskrankheit entwickelt.

Die Übersetzung des Wortes "Binge" wird unterschiedlich übersetzt. In der englischen Sprache wird "Binge" im Zusammenhang mit  exzessiven Trinken gebraucht. So kann Binge-Eating auch "Essen wie ein Besäufnis" bedeuten. Es heißt also auch soviel wie "gieriges essen".

Charakteristisch für diese Essstörung sind die regelmäßigen Essattacken unter denen die Betroffenen leiden. Innerhalb kürzester Zeit schlingen sie sich bei einem Fressanfall übermäßig große Mengen an Lebensmitteln in sich hinein. Der gesamte Kühlschrank wird dann quasi leer gegessen. Dabei verlieren sie die Kontrolle darüber, wie viel sie essen und wann sie mit dem Essen aufhören müssen. Das Sättigungsgefühl wird in der "Sucht nach Essen" völlig unterdrückt.

Erst wenn ein unangenehmes Völlegefühl einsetzt und eine weitere Nahrungsaufnahme nicht mehr möglich ist, wird die Essattacke beendet. Wenn der Heißhungeranfall endlich gestillt ist, treten bei den Betroffenen depressive Gefühle auf. Sie fühlen sich "schuldig" für das was sie getan haben und unwohl, weil sie die Kontrolle über sich selbst verloren haben. Oft wird dann versucht, weitere Essattacken zu unterdrücken, um wieder Selbstkontrolle über das eigene Essverhalten zu erlangen.

Nach jedem Anfall nehmen sich die Binge-Eating-Patienten vor, mit dem Fressen aufzuhören, um das Schuldheitsgefühl nach der Heißhungerattacke nicht noch mal erleiden zu müssen, doch meistens scheitert dies und es kommt erneut zu unkontrollierten Fressanfällen mit den damit verbundenen depressiven Gefühlen.

Anders als bei der Essstörung Bulimie, bei der ebenfalls solche Fressattacken auftreten, nach denen die Patienten allerdings selbst ausgelöst erbrechen, wenden Binge-Eater keine regelmäßigen Maßnahmen an, die einer Gewichtszunahme entgegen wirken sollen. Sie verwenden weder Diuretika noch stecken sie sich den Finger oder eine Zahnbürste in den Hals um das zugeführte Essen wieder zu beseitigen.

Ebenso treiben Binge-Eater auch nicht übermäßig viel Sport, um die aufgenommenen Kalorien zu verbrennen, wie es Bulimiekranke oder Magersüchtige häufig tun. Aber auch das Essverhalten eines typischen Übergewichtigen unterscheidet sich von einem BES-Patienten, denn das ist geprägt von einem ständigen Überessen. Binge-Eater müssen nicht zwangsläufig übergewichtig oder untergewichtig sein, es gibt auch Patienten, die ein normales Gewicht haben.

Im Gegensatz zu Übergewichtigen, die ständig zu viel essen, haben Binge-Eater nicht regelmäßig starke Heißhungerattacken, bei denen übermäßig hohe Kalorienmengen aufgenommen werden. Häufig treten diese Anfälle nach oder während einer Diät auf. Die Menschen, die unter derartigen Essattacken leiden, schämen sich dafür und ziehen sich häufig zurück. Sie entfernen sich von Freunden und Bekannten, damit sie ihre Essattacken heimlich im Verborgenen ausüben können. Ihnen ist es unangenehm, wenn andere dabei wären und von ihrem gestörten Essverhalten erfahren könnten.

BES-Patienten können ihre Krankheit so geschickt verheimlichen, dass selbst nahe Freunde und Familienangehörige nichts von der Essstörung erfahren. Das durch die Medien und Zeitschriften hervorgerufene Schlankheitsideal führt oftmals dazu, dass immer mehr Menschen, besonders junge Frauen und Mädchen unzufrieden mit ihrem eigenen Körpergewicht sind und sich nicht wohl in ihrem Körper fühlen.

Immer mehr Mädchen haben Angst vor dem "Dickwerden" und versuchen abzunehmen. Zahlreiche Diätversuche sind häufig Auslöser für die Binge-Eating-Disorder oder andere Essstörungen. Aber nicht nur Frauen sondern auch viele Männer sind von der Krankheit betroffen (etwa 35% der Patienten).  Genaue Hintergründe wodurch die Krankheit letztendlich verursacht wird, weiß niemand genau. Tatsache ist aber, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen in der Vergangenheit einmal depressiv gewesen sind.

Patienten berichten oft, dass Gefühle von Ärger, Frustration oder Langeweile zu einer Essattacke führen. Essen ist für sie ein Symbol für Liebe und Geborgenheit, durch das sie unangenehme Empfindungen auf angenehme Empfindungen umlenken wollen. Während des Essvorgangs fühlen sich die Patienten frei und losgelöst, ohne ständig daran denken zu müssen sich selbst zu kontrollieren. Für den Moment der Nahrungsaufnahme erleben sie Glücksgefühle, wie bei einem neugeborenen Kind, wenn es die ersten Glücksgefühle beim Stillen erfährt.

Oft wird das Essen auch als Trostpflaster angesehen, das den Kummer wegtrösten soll. Dieses Verhalten kann begünstigt werden, wenn die Betroffenen als Kinder nach Enttäuschungen immer mit Süßigkeiten getröstet worden sind. Studien haben ergeben, dass Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten manchmal unfähig sind, Hunger von anderen unbehaglichen Gefühlszuständen zu unterscheiden. Die Behandlung der Binge-Eating-Störung hat daher zwei Ziele: Zum einen die Normalisierung des Essverhaltens und zum anderen die Behandlung der zugrunde liegenden seelischen Konflikte.

Im Vordergrund der Therapie steht die Behandlung von Selbstwertdefiziten, zwischenmenschlichen Problemen und die Normalisierung des Essverhaltens. Die Patienten sollen in der Therapie die Stimmungen, Gefühle und Gewohnheiten herausfinden, die zu Essattacken führen. Verhaltenstherapeutische Strategien können dann helfen, eine vermehrte Selbstkontrolle zu gewinnen.

Außerdem werden Bewältigungsstrategien für Stressfaktoren, die zu Essattacken führen, erarbeitet. Ziel der Therapie ist nicht eine Gewichtsreduktion, da die Gefühle der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körpergewicht zur BES beitragen. Es geht in der BES-Therapie also nicht darum abzunehmen, sondern wieder Kontrolle über das Essverhalten zu bekommen. Die Patienten sollen lernen, sich so mögen wie sie sind und ihr bestehendes Gewicht zu akzeptieren.
Letzte Aktualisierung am 22.07.2008.
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