26.04.2006 -
Heute jährt sich der bisher schwerste Unfall in der Geschichte der Nutzung der Kernenergie zum zwanzigsten Mal. In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 explodierte Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine. In den darauf folgenden 10 Tagen wurden große Mengen Radioaktivität in die Atmosphäre freigesetzt und auch über Deutschland verteilt. "Auf schmerzliche Weise wurde deutlich, dass eine Kernschmelze kein hypothetisches Risiko darstellt, sondern ein sehr reales", erklärt der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter, Wolfram König.
Die konkreten Folgen der Tschernobyl-Katastrophe werden heute von Wissenschaftlern sehr unterschiedlich eingeschätzt. Die Abgaben der durch radioaktive Strahlung verursachten Todesfälle differieren sehr stark, weil eine Beziehung von Ursache und Wirkung nicht unmittelbar herstellbar ist und die Latenzzeit zwischen der Strahlenbelastung und einer Krebserkrankung relativ lang sein kann. Die Höhe der Erkrankungsfälle wird deshalb statistisch berechnet.
Im derzeitigen Disput um die Anzahl der Opfer gilt es, verlässliche Informationen aus dem wissenschaftlichen Raum zu erhalten. "Das BfS wird deshalb in Kürze die Autoren der unterschiedlichen Studien zu einem Fachgespräch einladen. Es ist mein Ziel, als unabhängige Institution den gemeinsamen Kenntnisstand, offene Fachfragen und kontroverse Interpretationen herauszuarbeiten und zu bewerten", so König weiter.
Auch in Deutschland hatte der Unfall weit reichende gesellschaftliche Folgen. Er wurde zum Wendepunkt in der Entwicklung der Nutzung der Kernenergie. Selbst Kernenergiebefürworter sprachen damals nur noch von einer "Übergangsenergie". Politische Konsequenz des Tschernobyl- Unfalls war die Gründung des Bundesumweltministeriums und des Bundesamtes für Strahlenschutz, das Strahlenschutzvorsorgegesetz und die Neukonzeption des inzwischen massiv ausgebauten Messnetzes zur Feststellung der Umweltradioaktivität (IMIS). Deutsche Kernkraftwerke wurden einer Überprüfung ihrer Sicherheitsstandards unterzogen und mussten ihren Notfallschutz weiter verbessern.

Während in Deutschland der Atomausstieg beschlossen ist, erfreut sich Atomkraft in anderen Ländern noch immer großer Beliebtheit. Der Verzicht auf den Neubau von Kernkraftwerken ist allerdings nur eine Seite der Medaille, die Abschaltung der bestehenden AKW die andere. Kritiker warnen seit langem vor veralteten Kraftwerken russischer Bauart in Osteuropa. Immer wieder erhitzten sich die Gemüter vor allem an den zahlreichen Störfällen im AKW Temelin in Tschechien.
Inzwischen ist dieser Themenkreis zum Tummelplatz für viele Experten und Forschungsinstitute geworden. Zu Streitpunkten entwickelten sich die Fragen, wie wahrscheinlich ein Unfall im AKW Temelin ist und ob durch die Nähe zur deutschen und österreichischen Grenze schädliche Folgen für das Ausland entstehen könnten - Passau und Linz sind jeweils nur 95 Km von Temelin entfernt.
In einem Gutachten, das im Jahr 2001 für das Land Oberösterreich erstellt wurde, wies der Sicherheitsexperte Helmut Hirsch nach, dass das Risiko eines schweren Unfalls im AKW Temelin "verglichen mit modernen Druckreaktoren in der Europäischen Union, überdurchschnittlich hoch" ist. Als schweren Unfall bezeichnet man die vollständige oder teilweise Zerstörung des Reaktorkernes mit den radioaktiven Brennelementen. Das AKW Temelin bietet dafür folgende Voraussetzungen bzw. Mängel:
1. Durch ein Leck im Kühlkreislauf könnte es zu einer ungenügenden Kühlung und damit Beschädigung des Reaktorkerns kommen. Bei dem im Temelin verwendeten Reaktortyp WWER-1000 gelten besonders die Dampfturbinen als Schwachstellen.
2. Materialrisse könnten zum Bersten des Reaktordruckbehälters und damit zu Schäden an der Sicherheitshülle (Containment) führen. Der hohe Nickelanteil in den Schweißnähten erhöht im AKW Temelin das Risiko der Materialversprödung.
Der Umfang der Freisetzung von radioaktiven Schadstoffen hängt wiederum vom Containment ab. Je früher das Containment seine Stabilität verliert, desto größer sind die Mengen an freigesetzter Radioaktivität. In einer ebenfalls für das Land Oberösterreich durchgeführten Untersuchung über das AKW Temelin bezeichnete das Heidelberger ifeu -Institut die durch eine Kernschmelze ausgelöste Bodenkontamination durch radioaktives Cäsium-137 in einem Radius von 100 Km als sehr wahrscheinlich.
Generell umstritten ist die Reichweite und die Wirkung der radioaktiven Wolken im Fall eines schweren Unfalls. Anlass hierfür ist immer noch der Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986. Wie eine Studie des Journal of Epidemiology and Community Health belegt, zog nach dem Unfall eine radioaktive Wolke von der Ukraine nach Schweden. Regenwetter führte dazu, dass dabei ca. 5% des bei der Reaktorexplosion freigesetzten Cäsiums-137 niedergingen.
In den Jahren 1988 bis 1996 traten in Schweden 849 Krebserkrankungen auf, die als Folge des Fall-outs angesehen werden. Das relative Risiko an Krebs zu erkranken erhöhte sich um 21%, was im Vergleich zum Rauchen (2000%) gering ist. Andererseits muss die langfristige Wirkung der radioaktiven Kontamination berücksichtigt werden, da Cäsium-137 eine Halbwertzeit von 30 Jahren hat (Cäsium-137 gilt als Leitnukleid und ist ein Messkriterium für den langfristigen Verseuchungsgrad einer Region).
Wie schwierig exakte Schlussfolgerungen sind, zeigt eine Untersuchung der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS). Zitiert wird zum Beispiel eine Studie aus Weißrussland, die in zwischen 1986 und 1991 ein vermehrtes Auftreten von Fehlbildungen (Trisomie-21, Hydrozephalie etc.) bei Kindern feststellte, die aber methodische Mängel aufwies. Um eine Antwort auf serienweise auftretende Krankheitsfälle zu finden, wurde das EUROCAT-System herangezogen. 1991 umfasste EUROCAT 24 Register aus 14 Ländern. Man untersuchte die Häufigkeit von Trisomie-21 vor und nach dem Tschernobyl -GAU. Für diese beiden Zeiträume konnten jedoch keine bemerkenswerten Unterschiede festgestellt werden.
Unabhängig von diesen Diskussionen - für den Fall eines schweren Unfalls im AKW Temelin sollen nach Vorgaben der Internationalen Atomenergieagentur IAEA drei Havariezonen eingerichtet werden. Die "Precautionary action zone" umgibt das Kraftwerk in einem Radius von 5km und ist Teil der Katastrophenschutzplanung. Oberstes Gebot bei der Bergung und Behandlung von Strahlenopfern ist der Selbstschutz der Helfer: Wenn eine Kontamination zu befürchten ist, sind Dosimeter, Einmalhandschuhe, Mundschutz, Schutzbrille und Einmaloverall mit Kapuze Pflicht. Die Aufnahme radioaktiver Stoffe über die Atemwege oder den Magen-Darmtrakt ist zu vermeiden.
Der Einsatz im Strahlungsgebiet sollte so kurz wie möglich sein. Verletzte sind evtl. im Rahmen einer Crash-Rettung aus dem Gefahrenbereich zu entfernen. Wenn der Zustand der verletzten Personen es erlaubt, sollte die Dekontamination am Unfallort erfolgen (Entkleidung, Reinigung der kontaminierten Körperteile mit Wasser) . Je nach Grad der Kontamination können bei den Opfern Symptome wie Kopfschmerzen und Erbrechen, bei starker Verstrahlung Haarausfall, Leukozytopenie und Diarrhoe auftreten. Die akute Strahlenkrankheit äußert sich durch gastrointestinale Blutungen und ein Versagen des Nervensystems, der Tod kann innerhalb kürzester Zeit eintreten.
Die Größte Havariezone "Long term protective action planning zone" umgibt das Kraftwerk in einem Radius von 50 bis100 km und dient zur Vermeidung langfristiger Folgeschäden. Dementsprechend soll die Bevölkerung umgesiedelt, der Verkehr und die Landwirtschaft eingeschränkt werden. Innerhalb dieser Zone ist der Verkauf bzw. Export von Obst, Frischgemüse und Milcherzeugnissen verboten. Vom Verzehr von Waldpilzen und Wild wird abgeraten. Zur Prophylaxe von Schilddrüsenkrebs wird außerdem die Einnahme von Jodtabletten empfohlen.
In den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses gelangte das AKW Temelin durch eine Pannenserie und die Nähe zur deutschen bzw. österreichischen Grenze. Kritik wird vor allem an der veralteten, sowjetischen Bauweise geübt. Zwar wurde dieser Reaktortyp WWER-1000 mit Sicherheitseinrichtungen von Westinghouse aufgerüstet, in dieser Vermischung von russischer und westlicher Technik sehen viele Experten aber eine schwer einzuschätzende Gefahrenquelle. Nicht nachrüstbar sind Reaktoren vom Typ WWER-440, die aus der ehemaligen Sowjetunion ins osteuropäische Ausland exportiert wurden und in Kosloduj (Bulgarien) und Bohunice (Slowakei) noch heute in Betrieb sind.
Gewarnt wird besonders vor Atomkraftwerken vom Tschernobyltyp RBMK. Auch18 Jahre nach der Reaktorkatastrophe sind immer noch 4 AKW dieser Bauweise am Netz. Alle Forderungen der EU nach ihrer Stillegung wurden bisher ignoriert. Kritisiert werden die fehlende Reaktorschützhülle (Containment) und die unzureichenden Kühl- und Brandschutzsysteme. Dazu kommen Geldmangel und Bedienungsfehler – ein Unfall wie in Tschernobyl ist kein Zufall. Ganz oben auf der Risikoliste der internationalen AKW stehen Ignalina (Litauen), Sosnovyj Bor, Kursk und Smolensk (Russland) sowie die schon genannten AKW vom Typ WWER-440 .
Seit dem 11.September 2001 sind neue Risiken hinzugekommen: Die Widerstandsfähigkeit des Containments gegen Flugzeugabstürze wird inzwischen auch bei deutschen AKW untersucht. Eine Studie der GRS kam dabei zu dem Ergebnis, dass kein ausreichender Schutz gegen einen Terrorangriff per Flugzeug besteht. Die Freisetzung von Radioaktivität ist nicht ausgeschlossen. Gerade bei älteren AKW ist ein Szenario wie in Tschernobyl durchaus vorstellbar.
Eine Katastrophe könnte aber auch mit einer "schmutzigen Bombe" ausgelöst werden. Durch die Kombination von konventionellem Sprengstoff und Nuklearmaterial (zum Beispiel aus radioaktiven Abfällen) wären große Stadtteile nach einer Explosion möglicherweise verseucht. Geheimdienstexperten sind sicher, dass das Terrornetzwerk "Al Quaida" einen derartigen Anschlag plant. Nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz gibt es aber keinen Anhalt für eine reale Bedrohung der BRD.
Quellen: Dr. Helmut Hirsch "Atomkraftwerk Temelin – Sicherheitsdefizite", Hannover 2001; Dr. Helmut Hirsch "Schwere Unfälle im Atomkraftwerk Temelin", Hannover 2001; Bernd Franke, ifeu-Institut für Energie und Umweltforschung Heidelberg GmbH "Konsequenzen schwerer Unfälle im AKW Temelin: Ist die Katastrophenschutzplanung hinreichend?", Heidelberg 2001; "Katastrophenmedizin – Leitfaden für die ärztliche Versorgung im Katastrophenfall“" Schutzkommission beim Bundesministerium des Inneren, Berlin 2003; Antonia Wenisch "Sicherheit von West- und Osteuropäischen Kernkraftwerken", Österreichisches Ökologie Institut, 2003; Pressemitteilung Bundesamt für Strahlenschutz, Dr. Dirk Daiber, 21.04.20006
Letzte Aktualisierung am 07.11.2008.