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Antibiotika: Wettlauf mit der Resistenz

Bakterien zunehmend resistent gegenüber Medikamenten

20.04.2004 - Immer mehr Bakterienstämme sind gegenüber Antibiotika unempfindlich. Dadurch verlieren diese Medikamente bei Patienten mit bakteriellen Infekten ihre Wirkung. Die Entwicklung der ersten Antibiotika in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts revolutionierte die klinische Medizin. Doch die einstige Wunderwaffe ist längst stumpf geworden. Waren beispielsweise 1990 noch etwa 2% der Bakterien eines bestimmten Stammes gegen ein Antibiotikum resistent, sind es heute 20%...

Antibiotika


In den USA sind bis zu 70% der Pneumokokken gegen Penicillin resistent. Infektionen mit diesen Erregern können mit Penicillin und anderen herkömmlichen Antibiotika nicht mehr therapiert werden. Wir haben den Pharmakologen Prof. Fritz Sörgel aus Nürnberg zum Thema Resistenzrisiko bei Antibiotika interviewt:

1) Antibiotika werden zur Behandlung bakterieller Krankheiten sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin eingesetzt. Die Zahl der resistenten Bakterien nimmt aber zu und neue wirksamere Substanzen sind nicht in Sicht. Muss der Patient mit einer Lungenentzündung Nachteile im deutschen Krankenhaus befürchten?

Prof. Sörgel: Die Resistenzlage für wirklich gefährliche Erreger ist in Deutschland im Moment noch erfreulicherweise gut. Dennoch kann es natürlich auch in Deutschland isoliert einmal zum Auftreten eines besonders widerstandsfähigen Erregers kommen. Aber das ist Spekulation und man sollte nicht unnötig Ängste in der Bevölkerung wecken.

2) Infektionskrankheiten nehmen in den Industrieländern zu, die Mittel dagegen verlieren aber zunehmend an Wirksamkeit. Die Gründe für das Versagen der Antibiotika sind hausgemacht, wenn auch multifaktoriell. Als ein Urheber der Misere wird der übermäßige Einsatz in Mastbetrieben diskutiert. Konnte aus Ihrer Sicht der Antibiotikaeinsatz in Mastbetrieben insgesamt verbessert sprich erfolgreich reduziert werden?

Prof. Sörgel: Der Einsatz von Antibiotika in Mastbetrieben wird in Europa ja bereits eingeschränkt und man darf davon ausgehen, dass Europa auf diesem Weg weiter fortschreitet. Ganz außer Acht gelassen werden sollte jedoch nicht, dass der definitive Nachweis, dass die Veränderung der Resistenzsituation durch den unkritischen Einsatz von Antibiotika in Mastbetrieben erfolgt, nicht vorliegt.

3) Natamycin (in der Zusatzstoffliste auch unter E235 geführt) ist ein Konservierungsstoff mit antibiotischer Wirkung. Er ist seit langem nur für die Oberflächenbehandlung von Hartkäse, Schnitt- und halbfettem Schnittkäse und getrockneten, gepökelten Wurstwaren zugelassen und darf nicht weiter als 5 mm in die Lebensmittel eindringen. Außerdem ist Natamycin als Arzneimittel für den Menschen (z.B. gegen Pilzinfektionen der Haut oder am Auge) zugelassen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt, die Rinden bei Käse bzw. bei rindenlosen Käsen die äußere Schicht - etwa 5 Millimeter tief weg zu schneiden. Gibt es noch mehr Überraschungen in Nahrungsmitteln oder Arzneimitteln?

Prof. Sörgel: Die Herstellung moderner Lebensmittel ist oft ein zweischneidiges Schwert. Die hohen Anforderungen, die letztlich der Verbraucher auch an die hygienische und anderweitige Qualität der Produkte stellt, ist manchmal übertrieben. Nur wenn die Verbraucher tatsächlich bereit wären, auch "nicht perfekte Lebensmittel" zu konsumieren, kann die herstellende Lebensmittelindustrie Zusatzstoffe herausnehmen.

Ob dies in einer modernen Welt funktioniert, in der schnell Regressansprüche gestellt werden, wenn es als Folge eines nicht einwandfreien Lebensmittels zu Krankheitserscheinungen kommt, wage ich zu bezweifeln. Ich denke, dass insgesamt einfach mehr Anreiz für die Industrie da sein muss, wirklich alternative Methoden mit "weicheren" Chemikalien zu entwickeln. Perfekte Lebensmittel ohne Chemie kann es nicht geben.

4) Die Anfälligkeit, an Allergien und Asthma zu erkranken, ist in den letzten Jahrzehnten enorm angestiegen. Das gilt besonders für Kinder in den westlichen Industrienationen. Ist die übermäßige Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern mit Antibiotika ein Grund für die erhöhte Asthma- und Allergiehäufigkeit bei Kindern?

Prof. Sörgel
: Ob es zu dieser erhöhten Asthma- und Allergiehäufigkeit bei Kindern durch eine Einnahme von Antibiotika kommt, ist umstritten, und bisher gibt es nur eine, nicht in jeder Hinsicht überzeugende Studie. Insofern ist auch hier Vorsicht geboten und keine Panikmache angesagt. Die Behauptung dieser erhöhten Asthma- und Allergiehäufigkeit hinge mit dem Antibiotikagebrauch zusammen, ist heute einfach "modern" und "schick", und die, die es weiter propagieren, meinen auch, dass dies ein Zusammenhang ist, der auch strengen naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten nach zwangsläufig ist. Das bezweifle ich.

Antibiotikaresistenz


5) Leben die Menschen wo weniger oder keine Antibiotika zur Verfügung stehen, gefahrloser? Sind Personen in der Dritten Welt oder in ehemaligen Ostblockstaaten "resistenter"?

Prof. Sörgel
: Natürlich leben Menschen ohne Antibiotika nicht gefahrloser. Denn Antibiotika sind hochwirksame Arzneistoffe, die zur hohen Lebensqualität in den Industrieländern beitragen und in Entwicklungsländern oder weniger entwickelten Ländern noch viel mehr als in Industrienationen lebensrettend sind. Das Problem beim Umgang mit Antibiotika in der Dritten Welt liegt einfach in der oft miserablen Qualität der Antibiotika, die entweder überhaupt nicht wirken oder nur vermindert wirken und daher eher die Resistenzbildung stimulieren; oder die unzuverlässige Einnahme, wie es zum Beispiel bei den Tuberkulosemitteln seit vielen Jahren beschrieben wird.

Trotz intensiver Bemühungen der WHO ist die compliance bei Tuberkulosepatienten in den Entwicklungsländern immer noch viel zu gering. Gerade dort müsste sie natürlich erhöht werden, um nachhaltig die Situation zu verbessern. Was die früheren Ostblockstaaten betrifft, so gibt es dort zum Teil dramatische Resistenzsituationen, teilweise auch gegen Penicilline, weil dort über viele Jahrzehnte ein sehr unkritischer Gebrauch von immer den gleichen und sehr alten Antibiotika stattfand.

6) Könnten Antibiotika auch das Immunsystem schädigen?

Prof. Sörgel: Eine direkte Schädigung des Immunsystems durch Antibiotika ist eher unwahrscheinlich. Die komplexen Wechselwirkungen zwischen der Einnahme von Antibiotika und dem Immunsystem sind völlig unzureichend erforscht, und völlig unbewiesen.

7) Ist immer noch eine gewisse Sorglosigkeit vieler Ärzte und Zahnärzte im Umgang mit der Antibiose und ihren Wirkstoffen zu beobachten, zum Beispiel bei der Verschreibungspraxis, oder hat hier aus Ihrer Sicht eine nachhaltige Sensibilisierung statt gefunden?

Prof. Sörgel: Die Verschreibungsgewohnheiten von Ärzten und Zahnärzten für jedwede Arzneimittel waren von jeher in der Kritik, der Unterschied liegt darin, dass es bei den Antibiotika auch offensichtlicher zu Folgeerscheinungen für den einzelnen Patienten als auch für die Ökoglogie kommen kann.

Auch wenn der Gebrauch von Antibiotika in der Praxis oft irrational ist, muss allerdings auch darauf hingewiesen werden, dass in der Wissenschaft keine Klarheit darüber herrscht, ob möglichst kurze Verschreibungspraxis oder möglichst lange Verschreibungspraxis der richtige Weg zur Verhinderung von Resistenzen sind. Im Moment ist eher ein Trend zu möglichst kurzen Verschreibungspraxen und auch entsprechend hohe Dosierung zu sehen, den ich vorbehaltlos unterstütze, zumal es auch das alte Ehrlich’sche Prinzip der "Therapia Magna Sterilisans" bedeutet. Den 150. Geburtstag dieses großen, deutschen Forschers, der das erste Antibiotikum Salvarsan gefunden hat, haben wir vor einigen Wochen begangen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Prof. Dr. Fritz Sörgel ist Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Heroldsberg. Er hat Pharmazie und Medizin studiert und beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Antibiotika. Er ist Herausgeber der internationalen Fachzeitschrift "Chemotherapy", die sich der antimikrobiellen, also gegen Bakterien gerichteten, und der antineoplastischen, also gegen Krebserkrankungen gerichteten Therapie, widmet. Er ist seit vielen Jahren in der Paul Ehrlich Gesellschaft als Leiter verschiedener Arbeitsgemeinschaften tätig und war auch für zwei Perioden im Vorstand.

Im September ist er Präsident des Weltkongresses für Antibiotika, der anlässlich des 150. Geburttages von Paul Ehrlich in Nürnberg stattfindet. Neben den Antibiotika beschäftigt sich sein Institut auch mit Fragen des Acrylamids, des Dopings und des Kokains. Auf diesen Gebieten ist das Institut zum Beispiel durch Untersuchungen zu Acrylamid in der Muttermilch, der Doping-Affäre Baumann und den diversen Kokainaffären (Kokain auf Geldscheinen, Kokain im Bundestag) bekannt geworden.

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Letzte Aktualisierung am 07.11.2008.

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