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Weniger Schmerzen - länger leben?

Lesezeit: 2 Min.

Wie hängen chronische Schmerzen, Alterungsprozesse und Stoffwechselerkrankungen zusammen?

Zumindest bei Mäusen ist es einem Wissenschaftlerteam der Universität Berkely in Kalifornien kürzlich gelungen, den Alterungsprozess aufzuhalten. Labor-Mäuse ohne einen bestimmten Schmerz-Rezeptor an den Nervenenden leben auffällig länger und leiden seltener an Altersdiabetes.

Weniger Schmerzen - länger leben?
Weniger Schmerzen - länger leben?

Berührt man etwas Heißes oder schneidet man sich die Haut an einer scharfen Papierkante, werden die Schmerzrezeptoren im Gehirn aktiviert und lösen eine entsprechende Vermeidungsreaktion aus. Schmerz schützt den Körper damit unmittelbar vor Schaden.
Eine Substanz, die man in Chilischoten und anderen scharfen Gewürzen findet, Capsaicin, erzielt ähnliche Effekte, denn auch sie wirkt direkt auf den Schmerzrezeptor TRPV1. Das Brennen im Mund, das der herzhafte Biss in eine Jalapeño-Chilischote auslöst, geht auf die Reaktion von TRPV1 auf Capsaicin zurück.

Wird Schmerz jedoch chronisch, kann er Schaden anrichten und sogar das Leben verkürzen. Bislang war der Grund dafür unklar.

Das Forscherteam unter Leitung des Molekularbiologen Andrew Dillin züchtete gezielt Versuchsmäuse, denen der Schmerz-Rezeptor TRPV1 fehlte. Diese Mäuse lebten um etwa 14 Prozent länger als ihre nicht-genmanipulierten Artgenossen und behielten auch ihren jugendlichen, agilen Stoffwechsel lange bei. Unter natürlichen Bedingungen nimmt die Glukosetoleranz mit dem Alter ab, Gewichtszunahme und Alters-Diabetes drohen.
Die Versuchstiere verbrannten jedoch bei gleicher körperlicher Aktivität wesentlich mehr Kalorien als gleichaltrige „normale“ Mäuse und wurden daher auch nicht übergewichtig.

Eine Erklärung dafür ist wohl die Rolle des TRPV1-Rezeptors bei der Insulin-Regulation. Dieses Hormon senkt den Blutzuckerspiegel, so Studienleiter Dillin. TRPV1-Neuronen stimulieren in der Bauchspeicheldrüse die Ausschüttung einer Substanz mit der Bezeichnung CGRP, die wiederum die Abgabe von Insulin an den Blutkreislauf blockiert. Je weniger Insulin ausgeschüttet wird, desto höher der Blutzuckerspiegel.

Bei Mäusen ohne den Schmerz-Rezeptor TRPV1 wurde entsprechend auch wenig CGRP gefunden, dafür mehr Insulin. Interessanterweise wird die Nackte Maulwurfsratte, verglichen mit anderen Nagetieren, extrem alt, sie lebt bis zu 30 Jahre – ihr Stoffwechsel benötigt kein CGRP. Diese Beobachtung bestätigt die Vermutungen von Dillin und seinem Team.
Viele neuere Schmerzmittel sprechen bereits gezielt den Schmerzrezeptor TRPV1 an. Aktuell wird auch eine Migräne-Schmerztherapie entwickelt, die die Substanz CGRP blockieren soll. Dillin weist darauf hin, dass diese Medikamente sich künftig womöglich nicht nur zur Schmerzbekämpfung eignen, sondern auch zur Behandlung von Diabetes, zur Kontrolle des Blutzuckerspiegels und des Körpergewichts.
In Regionen, in denen viele Capsaicin-haltige Nahrungsmittel verzehrt werden, leiden die Menschen tatsächlich unter weniger Stoffwechselproblemen. Könnte „scharfes Essen“ demnach auch lebensverlängernd wirken? Allerdings wären dazu sehr große Mengen an Capsaicin notwendig. Auf Dauer genossen, kann es sogar die Neuronen abtöten, die Schmerzsignale ans Gehirn senden.

Doch der Gedanke, dass ein Ausschalten alters- oder krankheitsbedingter chronischer Schmerzen den Alterungsprozess verlangsamen könnte, fasziniert viele wissenschaftliche Beobachter der Studie.

B. Langrehr
Gesundheitsredakteurin

aktualisiert am 30.05.2014
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