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Stress und Multitasking machen vergesslich

Lesezeit: 2 Min.

Zunehmende Gedächtnis- und Konzentrationsschwäche bei unter 40-Jährigen

Seit Jahren gilt die Fähigkeit zum Multitasking, also, parallel mehrere Tätigkeiten ausführen zu können, als das Non-plus-Ultra der Tüchtigkeit, Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit. „Verliert auch in turbulenten Situationen nie die Übersicht“ – so oder ähnlich lautet die dazu gehörige Formulierung in Stellenausschreibungen und Zeugnissen.

Stress und Multitasking machen vergesslich
Stress und Multitasking machen vergesslich

Doch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass an diesem Anspruch etwas nicht stimmen kann.
Ein Versuch an der Universität Utah etwa ergab, dass bei gleichzeitigem Telefonieren oder SMS-Tippen und Autofahren am Fahrsimulator die Aufmerksamkeit um volle 40 Prozent sank, das entspricht dem geistigen Niveau eines Fahrers mit 0,8 Promille Alkohol im Blut!
Hochbegabte Harvard-Studenten in einem anderen Test erbrachten schlagartig nur noch die Konzentrations- und Gedächtnisleistung von 8-jährigen Kindern, sobald man sie mit mehreren gleichzeitig zu erfüllenden Aufgaben konfrontierte.

Doch die Folgen des Multitasking gehen noch weiter: Die Medien sprechen bereits von der Post-it-Generation, die sich nur noch durch eine Flut von Notiz- und Klebezetteln vor dem organisatorischen Untergang bewahrt.
Immer mehr Umfragen und repräsentative Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass Multitasking und dadurch bedingter Dauerstress im Alltag zu dauerhafter Vergesslichkeit führen.

Und während bislang Gedächtnisschwäche als eine eindeutige Alterserscheinung galt, beklagen bereits viele Erwachsenen zwischen 18 und 39 Jahren Konzentrations- und Gedächtnisausfälle. Viele Personen ab 50 fürchten sich sogar massiv vor zunehmenden geistigen Verfallserscheinungen.
Wissenschaftler in Großbritannien erhoben diesbezüglich Daten von über 18.500 Personen im Alter zwischen 18 und 99 Jahren. Die Probanden wurden hinsichtlich ihrer Lebensgewohnheiten und Gedächtnisleistung untersucht.

Auffallend: Die jüngeren Probandengruppen zwischen 18 und 59 beschwerten sich eher über ein nachlassendes Gedächtnis als die Älteren. 26 Prozent der älteren Personen und 22 Prozent der mittleren Altersgruppe beklagten Gedächtnisschwund im Alltag, volle 14 Prozent entstammten der jüngsten Gruppe zwischen 18 und 39 Jahren.
Offensichtlich ist es nicht zwangsläufig immer das Alter, das geistige Fähigkeiten abnehmen lässt.

Eine Ursache ist sicher der zunehmende Stress in Beruf und Alltag. Die modernen omnipräsenten Kommunikationsmittel Telefon, Handy, Computer und Internet und ihr Einsatz spielen dabei eine unrühmliche Rolle: Sie verlangen überall und immer nach der sofortigen Aufmerksamkeit ihrer Bediener, machen diesen permanent erreichbar und verfügbar für Wichtiges wie für Unwichtiges. Sie zwingen dazu, konstant mehrere „Handlungsfäden“ gleichzeitig verfolgen zu müssen, mehrere Nachrichten parallel zu lesen, zu verarbeiten und zu beantworten. Die Aufmerksamkeitsspanne, die einer einzigen Angelegenheit gewidmet wird, verkürzt sich zwangsläufig auf ein Minimum. Auf die Dauer verringert diese "sprunghafte" oberflächliche und hastige Arbeitsweise offensichtlich auch die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren oder Aufgaben konsequent zu Ende zu bringen. Und diese Praxis hat fatale Auswirkungen: Bereits im Alter um die 30 lässt bei vielen Menschen das Gedächtnis rapide nach.

Eine weitere Untersuchung in Großbritannien enthüllte, dass zahlreiche 50-Jährige bereits massive „Aussetzer“ beklagen: Das Haus ohne Socken zu verlassen, bei Geschäftstreffen den eigenen Namen zu vergessen, das Verlieren von Brillen, Schlüsseln oder gar von Kindern oder Ehepartnern sprechen eine erschreckende Sprache.

Das Fazit moderner Wissenschaftler: Neurobiologisch gesehen existiert kein Multitasking. Das Gehirn kann sich auf maximal zwei komplexe Tätigkeiten gleichzeitig ausrichten. Schnelles Wechseln zwischen mehreren Aufmerksamkeitsbereichen führt dazu, dass viele wichtige Details nicht mehr wahrgenommen und verarbeitet werden. Bekanntlich gehen dem Gehirn nicht gebrauchte oder entwickelte Fähigkeiten unwiederbringlich verloren. So verliert die "Multitasking"-Generation offenbar die Gabe, sich zu konzentrieren, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und zu speichern.

B. Langrehr
Gesundheitsredakteurin

aktualisiert am 21.06.2013
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