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Physiologische Aspekte der Geiselhaft

Lesezeit: 2 Min.

Was spielt sich im Körper einer Geisel ab?

26.08.2006 - Dass Opfer von Geiselnahmen nach ihrer Freilassung unter psychischen Folgeschäden leiden können, beschäftigt nicht nur Psychotherapeuten, sondern auch Forscher. Nach Angaben des deutschen Instituts für Psychotraumatologie (DIPT) erleben die Opfer in Gedanken bestimmte Situationen und Gefühle immer wieder neu. Bei einem Drittel von ihnen drohen Spätfolgen wie Depressionen oder psychosomatische Beschwerden.  Das erst kürzlich stattgefundene Geiseldrama im kaukasischen Beslan zeigt, dass Geiselnehmer nicht einmal mehr Rücksicht auf Kinder nehmen.

Die schädliche Wirkung für die kindliche Psyche wurde im August 2004 auf dem Weltkongress für Kinder- und Jugendpsychiatrie thematisiert.

Bisher gibt es aber nur wenige Untersuchungen zu den physiologischen Prozessen im Körper der Geiseln. In vielen Fällen stehen zwar nach der Beendigung der Geiselnahme Ärzte bereit, um Opfer mit Schockzuständen notfallmedizinisch zu behandeln. Was aber genau spielt sich im Körper einer Geisel ab? Welche Schäden drohen, vor allem wenn lebensbedrohliche Bedingungen herrschen wie in Beslan, wo den Geiseln tagelang Flüssigkeit und Nahrung verweigert wurde?

Erlebte Gewalt bei Geiselhaft


Stresszustand der Geiseln

Wie das russische Medizinjournal  "Medizinskaja Gazeta" berichtet, lösen Geiselnahmen bei den betroffenen Menschen Stressgefühle aus. Wenn dazu noch Morddrohungen kommen (zum Beispiel die angekündigte Enthauptung irakischer Geiseln durch islamische Extremisten),leben die Gefangenen in einem dauernden Angstzustand. Dieser Stress bewirkt einen Sympathikusreiz und führt zur Ausschüttung von großen Mengen an Katecholaminen (Adrenalin und Noradrenalin).

Der damit verbundene generalisierte Spasmus der Arterien führt zu Störungen der Mikrozirkulation, zum Anstieg des Blutdrucks, der Puls- und der Atemfrequenz. Hinzu kommen Störungen der Wärmeregulation mit Temperaturanstieg und erhöhter Schweißsekretion sowie Störungen des Elektrolythaushalts.

Als Folge dieser sympathomimetischen Reaktion findet eine Zentralisierung des Blutkreislaufs im Bereich der Organe oberhalb des Zwerchfells statt. Das Herz und das Gehirn werden übermäßig mit Sauerstoff versorgt - zum Nachteil der Organe unterhalb des Zwerchfells (der Leber, der Bauchspeicheldrüse, des Darmtrakts und der Nieren).

Dabei handelt es sich um eine zielgerichtete Schutzreaktion des Körpers in Notsituationen - bei Gefahr soll die Flucht ermöglicht werden. Doch dieser Mechanismus hat bei Geiseln eher eine schädliche Wirkung.

Eine lang andauernde Geiselnahme kann zur Erschöpfung der Nebennierenrinde und des Nebennierenmarks, schließlich sogar zur Atrophie dieser Organe führen. Doch dieser Prozess verläuft schleichend. Erst wenn 90% der Nebennierenzellen abgestorben sind, wird dieser Vorgang klinisch signifikant. Doch dann fehlen dem Körper bereits lebenswichtige Hormone und Corticoide.

Interzelluläre Prozesse

Zwei weitere Faktoren - das Eingesperrtsein der Geiseln auf engstem Raum und das Fehlen ausreichender Luftzufuhr - verstärken den Stress. Sauerstoffmangel, Bewegungsmangel und eine verkrampfte Sitzhaltung stören den transkapillaren Blutaustausch in den Beinmuskeln. Dies kann zu Nekrosen der Myofibrillen, beginnender Autolyse (Auflösung der Zellen) und zu einem Anschwellen der Muskeln führen. Die eng anliegenden Muskelfaszien üben wiederum einen Gegendruck aus, wodurch die Muskeln zusätzlich komprimiert werden. Dadurch wird die Blutversorgung vermindert, die Mikrozirkulation blockiert und gleichzeitig die Bildung von Mikro- Thromben gefördert. Dem Gewebe wird so immer mehr Blutplasma entzogen. Schrittweise entsteht ein Ischämisches Syndrom, das sich über die Waden bis zu den Gesäßmuskeln ausdehnt.

In den Zellen führt die Hypoxie zu nekrotischen Prozessen. Der für den Energiehaushalt verantwortliche Oxidations-Reduktionsprozess  findet normalerweise unter aeroben und anaeroben Bedingungen statt. Bei ausreichendem Sauerstoffangebot werden 36 Moleküle Adenosintriphosphat (ATP) und ohne Sauerstoff  2 Moleküle ATP gebildet. Damit die Zelle normal funktionieren kann, sind mindestens 38 Moleküle ATP notwendig. Sauerstoffmangel kann damit zu einer Funktionsstörung der Zelle führen. Ihr fehlen 36 Moleküle ATP, wodurch die zelleigene Proteinsynthese gestört und die Autolyse beschleunigt werden kann.

Wenn die Zellen sich auflösen, führen die auftretende Hyperkaliämie und der steigende Anteil von Autolyse-Abfallprodukten im Blut zur Funktionsstörung lebenswichtiger Organe. Die Myokardzellen des Herzens werden geschädigt, ebenso die Leberzellen und die Nierenzellen. Als Folge kann es zum Multi-Organversagen kommen.
Letzte Aktualisierung am 28.08.2008.
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