Thyreoiditis ist der medizinische Begriff für eine Schilddrüsenentzündung und leitet sich vom lateinischen Namen für die Schilddrüse, Glandula thyreoidea, ab. Schilddrüsenentzündungen lassen sich in Abhängigkeit von den Symptomen in verschiedene Kategorien einteilen, denen ein unterschiedlicher Entstehungsmechanismus zugrunde liegt und die somit auch unterschiedlich therapiert werden. Allen gemeinsam ist jedoch, dass Frauen weit häufiger als Männer erkranken und dass sie meist zwischen dem 30.und dem 50. Lebensjahr erstmals auftreten.
Es gibt zum einen die akute Schilddrüsenentzündung, die mit einem Anteil von einem Prozent an den Schilddrüsenentzündungen sehr selten ist und überwiegend durch Bakterien ausgelöst wird. Zum anderen gibt es die subakute Schilddrüsenentzündung, auch nach ihrem Erstbeschreiber Thyreoiditis de Quervain genannt, deren Ursache bisher ungeklärt ist. Man vermutet jedoch, dass dieser Art von Schilddrüsenentzündung eine Virusinfektion vorausgegangen ist. Am häufigsten mit einem Anteil von rund 80% an den Schilddrüsenentzündungen ist jedoch die chronische Schilddrüsenentzündung, auch Hashimoto-Thyreoiditis genannt, die im Jahre 1912 von dem japanischen Arzt Hashimoto entdeckt wurde. Hierbei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die sich über Jahre hinweg entwickelt und erst spät zu Symptomen führt.
Die akute, subakute und chronische Schilddrüsenentzündung haben unterschiedliche Ursachen und stellen damit auch eigenständige Krankheitsbilder dar:
Eine akute Schilddrüsenentzündung kann in Anschluss an einen bakteriellen Infekt im Nasen-Rach-Raum (Rachen-, Mandel- oder Nasennebenhöhlenentzündung) im Sinne einer verschleppten Infektion entstehen. In selteneren Fällen können auch virale Infektionen eine akute Schilddrüsenentzündung auslösen. Eine so genannte Strahlenthyreoiditis kann sich nach einer Radiojodtherapie (Strahlentherapie der Schilddrüse bei Schilddrüsenkrebs oder Schilddrüsenüberfunktion) entwickeln.
Die Ursache der subakuten Schilddrüsenentzündung ist noch unklar. Man vermutet jedoch, dass sie durch Viren oder durch autoimmune Reaktionen nach einer Infektion ausgelöst wird. Viele Patienten berichten, in der letzten Zeit einen Virusinfekt der oberen Luftwege durchgemacht zu haben.
Die chronische Schilddrüsenentzündung wird auch Hashimoto-Thyreoiditis genannt und stellt eine Autoimmunkrankheit dar. Das bedeutet, dass das Immunsystem fehlgeleitet wird und sich nicht nur gegen eindringende Fremdkörper von außen, sondern auch gegen körpereigenes Gewebe, in diesem Fall das Schilddrüsengewebe, richtet. Die Hashimoto-Thyreoiditis kann mit anderen Autoimmunerkrankungen, wie beispielsweise der Sprue, dem Diabetes mellitus Typ 1 oder der Hautkrankheit Vitiligo, einhergehen.
Je nach Art der Schilddrüsenentzündung klagen die Patienten über unterschiedliche Beschwerden:
Die akute Schilddrüsenentzündung beginnt plötzlich innerhalb von wenigen Stunden oder Tagen, die Schilddrüse ist druckempfindlich, gerötet und vergrößert. Es kommt zu hohem Fieber und häufig zu einer Ausstrahlung der Schmerzen in Richtung Ohr. Die Patienten können außerdem unter Schluckbeschwerden oder Heiserkeit leiden. Lymphknoten, die sich in der Umgebung der Schilddrüse befinden, können schmerzhaft vergrößert sein. Die Funktion der Schilddrüse ist jedoch meist nicht beeinträchtigt (euthyreote Stoffwechsellage).
Das Leitsymptom der subakuten Schilddrüsenentzündung ist ein zum Oberkiefer, Unterkiefer und/oder zum Ohr ausstrahlender Schmerz sowie eine derb geschwollene Schilddrüse. Es gibt jedoch auch komplett schmerzlose Verlaufsformen, die mit dem englischen Begriff silent thyreoiditis (= stille Schilddrüsenentzündung) bezeichnet werden. Zusätzlich leiden die Patienten unter allgemeinem Krankheitsgefühl mit Fieber, Abgeschlagenheit und Leistungsabfall. Auch hier kann es zu Schluckbeschwerden und Heiserkeit kommen. Die Lymphknoten im Bereich der Schilddrüse sind meist nicht geschwollen. Durch die Entzündung kommt es zu einer teilweisen Schädigung der Schilddrüsenzellen, woraufhin Schilddrüsenhormone, die in diesen Zellen enthalten sind, freigesetzt werden. Daraus resultiert anfangs eine Schilddrüsenüberfunktion (typische Symptome hierfür sind zum Beispiel Gewichtsabnahme, Haarausfall oder erhöhte Schweißproduktion), die meist im weiteren Verlauf wieder verschwindet.
Die chronische Schilddrüsenentzündung, Hashimoto-Thyreoiditis, wird meist zufällig und häufig im Rahmen einer Struma-Abklärung (= Kropf, vergrößerte Schilddrüse) diagnostiziert. Die Patienten sind meist beschwerdefrei und entwickeln über eine längere Zeit eine zunehmende Schwellung am Hals sowie gelegentlich leichte Schmerzen im Schilddrüsenbereich. Zu Beginn der Erkrankung, als Reaktion auf die Entzündung, kommt es oft zu einer Überfunktion der Schilddrüse. Dabei stehen einerseits psychische Symptome wie Nervosität, Reizbarkeit und Schlafstörungen, aber auch körperliche Symptome wie Zittern der Hände, Schwitzen und Gewichtsverlust im Vordergrund. Im Verlauf, häufig erst nach einigen Jahren, entwickelt sich dann eine Schilddrüsenunterfunktion, die ebenso ganz unterschiedliche Symptome auslösen kann: Antriebsarmut, depressive Verstimmung, Wassereinlagerungen, Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit, Verstopfung, brüchige Haare und Fingernägel, trockene Haut und Muskelschmerzen seien als Beispiel genannt. Sehr selten kann es zu der sogenannten Hashimoto-Enzephalopathie (Gehirnerkrankung) mit epileptischen Anfällen und psychiatrischen Symptomen kommen.Eine weitere chronische Verlaufsform der Schilddrüsenentzündung, die meist mit der Hashimoto-Thyreoiditis aufgrund ähnlicher Symptome, Therapie und Verlauf zusammengefasst wird, ist die Ord-Thyreoiditis, die jedoch nicht mit einer Vergrößerung, sondern mit einer Verkleinerung der Schilddrüse einhergeht.
Eine sehr seltene Form der chronischen Schilddrüsenentzündung ist die fibrosierende Schilddrüsenentzündung, die nach einem deutschen Arzt als Riedel-Thyreoiditis benannt ist. Hierbei imponiert eine ausgeprägte und nicht schluckverschiebliche Verhärtung der Schilddrüse, das so genannte Eisenharte Riedel-Struma. Die Patienten leiden infolgedessen unter Beschwerden beim Schlucken, unter Atemnot und Verspüren ein Druckgefühl im Halsbereich.
Die akute Schilddrüsenentzündung wird anhand der klinischen Zeichen, also der Schilddrüsenvergrößerung, der Schmerzausstrahlung und der allgemeinen Krankheitssymptome diagnostiziert. Die Krankengeschichte ergibt meist einen kürzlich durchgemachten bakteriellen Infekt des Nasen-Rachen-Raums. Eine Untersuchung des Blutes zeigt meist allgemeine Entzündungszeichen wie eine erhöhte Anzahl der Leukozyten (weiße Blutkörperchen) sowie eine erhöhte BSG (Blutkörperchen-Senkungs-Geschwindigkeit). Weiterhin kann die akute Schilddrüsenentzündung mittels Ultraschall diagnostiziert werden.
Auch bei der subakuten Schilddrüsenentzündung, der Thyreoiditis de Quervain, geben die klinischen Zeichen, also die schmerzhaft geschwollene Schilddrüse sowie die allgemeinen Krankheitszeichen, in Verbindung mit einem oft vorausgegangenen viralen Infekt, den entscheidenden Hinweis. Zur Bestätigung der Verdachtsdiagnose wird das Blut untersucht, wobei die Leukozyten nur gering, die BSG aber stark erhöht ist. Des Weiteren kann die Schilddrüse per Ultraschall untersucht werden, wobei zum Ausschluss anderer Schilddrüsenerkrankungen eine Gewebeprobe (Feinnadelbiopsie) genommen werden kann. Unter dem Mikroskop zeigt sich dann typischerweise eine granulomatöse (knötchenartige) Entzündung mit Riesenzellen. Zum weiteren Nachweis einer subakuten Schilddrüsenentzündung kann eine Szintigraphie durchgeführt werden. Hierbei wird dem Patienten eine radioaktiv markierte Substanz intravenös gegeben, die anschließend von gesundem und erkranktem Schilddrüsengewebe unterschiedlich stark gespeichert wird und damit Hinweise auf die Art des Schilddrüsengewebes gibt.
Die Patienten suchen meist bei zunehmender Vergrößerung der Schilddrüse im Verlauf der letzten Jahre einen Arzt auf. Bei einer ersten Blutuntersuchung ist die BSG meist stark erhöht, während die Leukozyten im Normbereich liegen. Bei fast allen Patienten sind so genannte TPO-Antikörper nachweisbar. Dies sind Antikörper gegen ein schilddrüseneigenes Enzym, die Schilddrüsenperoxidase, die an der Bildung von Schilddrüsenhormonen beteiligt ist. Außerdem können bei etwa der Hälfte der Patienten zu Beginn der Erkrankung Tg-Antikörper nachgewiesen werden, welche sich im weiteren Verlauf jedoch häufig verlieren. Dies sind Antikörper gegen ein von den Schilddrüsenzellen produziertes Protein namens Thyreoglobulin, welches für die Produktion und Speicherung von Schilddrüsenhormonen verantwortlich ist. In seltenen Fällen können auch Antikörper gegen TSH-Rezeptoren nachgewiesen werden. Normalerweise verankert sich an diesen Rezeptoren das Hypophysenhormon TSH, welches die Produktion der Schilddrüsenhormone anregt. Gibt es jedoch Antikörper gegen diese Rezeptoren, kann TSH nicht binden und zu wenige Schilddrüsenhormone werden gebildet. Neben den Blutuntersuchungen kann die chronische Schilddrüsenentzündung auch im Ultraschall nachgewiesen werden. In unklaren Fällen kann eine Probe des Schilddrüsengewebes mittel einer Feinnadelpunktion genommen werden, die anschließend mikroskopisch untersucht wird. So kann auch zwischen der Hashimoto-Thyreoiditis und der seltenen Riedel-Thyreoditis unterschieden werden. Ferner kann auch, wie bei der subakuten Schilddrüsenentzündung beschrieben, eine Szintigraphie durchgeführt werden, um die Diagnose zu festigen.
Bei der akuten Schilddrüsenentzündung ist es wichtig, dass sich die Patienten schonen und Bettruhe einhalten. Bei einer bakteriellen Ursache wird eine Behandlung mit einem Breitbandantibiotikum begonnen. Unterstützend können Glukokortikoide (zum Beispiel Kortison) gegeben werden. Kühlende Umschläge können die Schmerzen lindern. Haben sich bereits Eiteransammlungen gebildet, so werden diese zur Entlastung des Gewebes punktiert. Ist die akute Schilddrüsenentzündung Folge einer Strahlenbehandlung, so werden entzündungshemmende Medikamente angeordnet.
Ein Großteil der subakuten Schilddrüsenentzündungen heilt innerhalb von wenigen Monaten spontan aus. Da die Ursache dieser Schilddrüsenentzündung unklar ist, kann sie nur symptomatisch mit entzündungshemmenden Medikamenten wie nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) oder Glukokortikoiden behandelt werden.
Die chronische Schilddrüsenentzündung heilt nur in den seltensten Fällen spontan ab und kann nicht ursächlich behandelt werden. Daher beschränkt man sich darauf, eine mögliche Schilddrüsenunterfunktion mit Schilddrüsenhormonen wie L-Thyroxin zu behandeln, um einen ausgeglichenen Hormonhaushalt zu erreichen. Diese Therapie muss lebenslang beibehalten werden. Sollte die vergrößerte Schilddrüse zu erheblichen Schluckbeschwerden und Druckgefühl führen, oder besteht der Verdacht auf eine bösartige Veränderung, so muss die Schilddrüse operativ entfernt werden. Das Schilddrüsenwachstum der Riedel-Thyreoiditis ist meist begrenzt, bei zu starken Beschwerden sollte aber auch hier die Schilddrüse operativ entfernt werden.
Bei frühzeitiger Einnahme von Antibiotika und körperlicher Schonung heilt die akute Schilddrüsenentzündung meist innerhalb weniger Tage aus. In einigen Fällen kann es zu einer Abszessbildung kommen, die operativ behandelt werden muss. Ist die akute Schilddrüsenentzündung Folge einer Strahlentherapie, kann es zu vermehrter Bindegewebswucherung in der Schilddrüse kommen. Da hierdurch hormonbildendes Schilddrüsengewebe verdrängt wird, kann es zu einer Schilddrüsenunterfunktion kommen. Die Patienten sollten in diesem Fall Schilddrüsenhormone einnehmen.
In der Regel kommt es innerhalb von einigen Monaten zu einer Spontanheilung ohne bleibende Funktionsstörungen. Akute Beschwerden sind unter einer antientzündlichen Therapie häufig rückläufig. Etwa 10% der Patienten entwickeln infolge von Narbenbildung im Schilddrüsengewebe eine Schilddrüsenunterfunktion, so dass Schilddrüsenhormone eingenommen werden müssen.
Die chronische Schilddrüsenentzündung heilt nur selten spontan aus. Daher wird eine lebenslange Einnahme von Schilddrüsenhormonen empfohlen. Patienten, die an einer Hashimoto-Thyreoiditis erkrankt sind, haben auch ein höheres Risiko, andere Autoimmunerkrankungen zu erleiden.