Die Heparin-induzierte-Thrombozytopenie (HIT) ist eine Komplikation, die im Rahmen einer Therapie mit Heparin auftreten kann. Heparin ist ein Medikament, das die Blutgerinnung hemmt und so die Entstehung von Thrombosen verhindern soll. Einige Tage nach der Anwendung kann es jedoch bei einigen Patienten zu einer paradoxen Wirkung des Heparins, der HIT, kommen. Dabei verklumpen die Blutplättchen (Thrombozyten) und ihre Zahl verringert sich (Thrombozytopenie). Die Betroffenen haben ein vielfach erhöhtes Risiko, Thrombosen und die damit verbundenen Komplikationen zu entwickeln. Man geht heute davon aus, dass bis zu 10 Prozent aller mit Heparin behandelten Patienten eine HIT ausbilden.
Ursachen
Man unterscheidet zwei Formen der Heparin-induzierten-Thrombozytopenie:
- Die HIT Typ I entsteht infolge von Wechselwirkungen des Heparins mit den Blutplättchen (Thrombozyten), die für die Gerinnung verantwortlich sind. Diese Form ist relativ harmlos und es kommt zu einem leichten Mangel an Thrombozyten (Thrombozytopenie).
- Die HIT Typ II entsteht aufgrund einer Immunreaktion, bei der der menschliche Organismus Antikörper gegen das im Blut gebundene Heparin bildet. So entstehen komplexe Gerinnsel innerhalb der Blutgefäße, die schwere Komplikationen verursachen können, wie beispielsweise Schlaganfälle oder eine Lungenembolie. Die Anzahl der Thrombozyten kann aufgrund der Gerinnselbildung auf weniger ale 50 Prozent des Ausgangswertes abfallen. Das Auftreten der HIT Typ II ist zudem abhängig von der Dauer der Heparintherapie. Beträgt diese weniger als Fünf Tage treten eher selten Komplikationen auf. Des Weiteren kann auch eine Hohe Heparindosis die Entstehung einer HIT begünstigen.
Symptome
Die Heparin-induzierte-Thrombozytopenie von Typ I verläuft in den meisten Fällen symptomlos und wird deshalb von den Betroffenen oft nicht bemerkt. Nur selten Fällt die Konzentration der Thrombozyten hierbei unter Werte von 100 000/µl ab. Die HIT Typ I bildet sich nach wenigen Tagen wieder folgenlos zurück.
Bei der HIT Typ II kommt es hingegen zu einem massiven Abfall der Thrombozytenzahl. Bei erstmaliger Anwendung von Heparin tritt die HIT Typ II etwa nach ein bis zwei Wochen ein. Bei wiederholter Heparingabe bildet der Körper hingegen bereits nach ein bis zwei Tagen Antikörper gegen das Heparin aus. Zudem finden sich im Falle der HIT Typ II oftmals abgestorbene Hautstellen im Bereich der Injektionsstelle des Heparins. Patienten mit einer Heparin-induzierten-Thrombozytopenie haben ein erhöhtes Risiko eine Thrombose zu entwickeln. Typische thrombotische Ereignisse sind die tiefe Beinvenenthrombose, arterielle Thrombosen in den Extremitäten aber auch Hirninfarkte, Lungenembolien oder Herzinfarkte. Die thromboembolischen Ereignisse im Rahmen einem HIT Typ II können zum Verlust von Extremitäter führen und für den Betroffenen lebensbedrohlich sein.
Diagnose
Die Heparin-induzierte-Thrombozytopenie fällt in der Regel zunächst durch eine erniedrigte Anzahl von Thrombozyten in der Blutuntersuchung auf. Ein Verdacht auf eine HIT Typ II besteht immer dann, wenn während oder auch noch kurz nach einer Heparinbehandlung ein Thrombozytenabfall auf unter 50 Prozent des Ausgangswertes stattfindet oder ein thromboembolisches Ereignis auftritt.
Um eine HIT Typ II nachzuweisen können zusätzlich so genannte Heparinspezifische Antikörper im Labor bestimmt werden. Eine weitere diagnostische Möglichkeit bietet der Heparininduzierte-Plättchen-Aktivierungstest (HIPA), bei dem Thrombozyten aus einer Blutprobe des Patienten mit Heparin versetzt werden.
Zur Sicherung der Diagnosestellung einet HIT kann dann der so genannte Magnani-Score herangezogen werden. Dabei werden für folgende Parameter Punkte vergeben:
- Abfall der Thrombozytenzahl um 30 Prozent ( 1 Punkt) oder über 50 Prozent (2 Punkte) gegenüber dem Wert vor Heparingabe
- Zeitintervall zwischen erstmaliger Heparingabe und Thrombozytenabfall mehr als vier Tage (2 Punkte)
- Bei erneuter Heparintherapie: Intervall bis zum Abfall der Thrombozytenzahl weniger als fünf Tage (3 Punkte)
- Erkrankung an einer Thromboembolie unter Heparintherapie (1 Punkt)
- Erkrankung an sowohl arteriellen als auch venösen Thromboembolien (2 Punkte)
- Entzündliche Hautreaktion im Bereich der Einstichstelle zur Heparingabe (2 Punkte)
- Wurden dem Patienten vor der Heparintherapie Zytostatika verabreicht oder sind Blutungen aufgetreten, werden hingegen jeweils ein Punkt abgezogen
Zählt man die so errechneten Punktzahlen zusammen, liegt bei einem Wert von 7-13 definitiv eine HIT vor, bei einem Wert von 4-6 ist die Erkrankung wahrscheinlich, bei 1-3 möglich und unter einem Wert von eins unwahrscheinlich.
Differentialdiagnose
Verschiedene Erkrankungen im Bereich der Blutgefäße können ähnliche Symptome wie die HIT hervorrufen. Zu diesen Krankheitsbildern gehört beispielsweise die disseminierte intravasale Gerinnung (DIC). Dabei werden durch eine übermäßig stark ablaufende Blutgerinnung Gerinnungsfaktoren verbraucht, wodurch bei den Betroffenen eine stark erhöhte Blutungsneigung besteht. Die DIC tritt in der Regel als Begleiterkrankung von verschiedenen Krankheitsbildern, wie Schock, Fehlgeburt oder schweren Organerkrankungen auf. So kann sie meist gut von der HIT abgegrenzt werden.
Auch die so genannten Post-Transfusions-Purpura können ähnliche Symptome wie die HIT hervorrufen. Auch hier tritt ein Thrombozytenabfall ein der allerdings durch die Gabe einer Bluttransfusion ausgelöst wurde, gegen die der Betroffene Antikörper ausbildet. Durch einen Nachweis der Entsprechenden Antikörper kann die Erkrankung eindeutig von der HIT abgegrenzt werden.
Therapie
Schon bei Verdacht auf eine HIT muss sofort mit einer Therapie begonnen werden. Das Warten auf endgültige Laborergebnisse würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Zunächst die Heparintherapie abgebrochen und auf einen anderen Gerinnungshemmer umgestiegen werden. Hierbei gilt der Arzneistoff Argatroban als Mittel der Wahl, da dieser zwar die Gerinnung hemmt, jedoch keine HIT verursachen kann. Zudem sollten keine Heparinhaltigen Salben, Katheter oder Spülungen verwendet werden, da vor allem bei bereits sensibilisierten Patienten auch diese Arzneistoffe eine HIT verursachen können.
Zur Prophylaxe einer HIT kann zur Gerinnungshemmung ein niedermolekulares anstelle eines unfraktionierten Heparins verabreicht werden.So kann das Risiko einer HIT auf etwa ein zehntel reduziert werden. Zudem sollte der behandelnde Arzt darauf achten, die Dauer der Heparintherapie so kurz wie möglich zu halten. Patienten, die bereits in der Vorgeschichte eine HIT nach Heparingabe entwickelten, dürfen nicht mit Heparin behandelt werden.
Prognose
Etwa ein Drittel aller Patienten mit HIT Typ II entwickelt eine Venenthrombose, die wiederum bei einem Drittel zu schwerwiegenden Komplikationen führt. Im schlimmsten Falle versterben die Betroffenen an den Folgen der Heparin-induzierten-Thrombozytopenie.
Letzte Aktualisierung am 23.07.2010.