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Anämie

Hier findet eine Verminderung der Hämoglobinkonzentration statt...

Definition

Dem Blut eines Menschen fallen unterschiedliche Aufgaben zu, die es durch seine Vielseitigkeit im Normalfall leicht bewältigen kann. Blut besteht zu ungefähr 60 Prozent aus Wasser.

Die festen Bestandteile des Blutes unterteilen sich in rote und weiße Blutkörperchen, Gerinnungsfaktoren und Antikörper. Die weißen Blutkörperchen und die freien Antikörper sind für die Immunantwort des Körpers zuständig. Sie erkennen und zerstören eingedrungene Fremdstoffe (wie z.B. Bakterien) und schützen den Körper so vor tödlichen Infektionen. Die Gerinnungsfaktoren sorgen dafür, dass Defekte der Blutgefäße (Verletzungen) nicht zu lebensbedrohlichen Blutverlusten führen.

Dem flüssigen Teil des Blutes (Serum) kommen vielfältige Aufgaben zu.
Es leitet die aufgenommenen Nährstoffe aus dem Darm zuerst in die Leber und dann in alle anderen Organe des Körpers und sorgt außerdem dafür, dass der Säure-Basen-Haushalt ausgeglichen bleibt, indem es entstandene Säuren zu den Ausscheidungsorganen Lunge und Niere leitet.

Die wichtigste und bekannteste Aufgabe des Blutes besteht jedoch darin, Sauerstoff von der Lunge zu den Zellen und umgekehrt auch noch Kohlenstoffdioxid von den einzelnen Zellen zur Lunge zu transportieren. Diese Aufgabe wird vor allem von den roten Blutkörperchen (Erythrozyten) bewältigt.

Die Erythrozyten sind Zellen, die perfekt an ihre Aufgabe angepasst sind. Sie besitzen keinen Zellkern mehr, wie andere Zellen, damit sie maximal mit einem Protein zur Sauerstoffbindung (Hämoglobin) gefüllt werden können. Hämoglobin ist ein Stoff, der Sauerstoff in der Lunge binden und dann an die Organe abgeben kann. Die roten Blutkörperchen transportieren diesen Stoff.

Die normalen Werte liegen zwischen 14 - 18 g/dl beim Mann und zwischen 12 - 16 g/dl bei der Frau. Erythrozyten haben eine maximale Lebensdauer von ca. 100 Tagen und werden hauptsächlich in der Milz abgebaut.

Bei einer Anämie („Blutarmut") handelt es sich um einen Überbegriff für sehr viele Krankheiten, die mit dem ursprünglichen Begriff „Blutarmut" nicht ausreichend beschrieben werden können. Das Hauptmerkmal der Anämie ist eine Verminderung der Hämoglobinkonzentration im Blut. Dieser Wert sagt aus, inwiefern das Blut in der Lage ist, Sauerstoff zu transportieren. Eine Anämie liegt vor, wenn die Hämoglobinkonzentration unter 11 g/dl abgesunken ist.

Ursachen der Anämie

Die Unterteilung in verschiedene Anämieformen erfolgt aufgrund der unterschiedlichen Auslöser der Anämien. Es existieren viele verschiedene Anämieformen. Hier sollen nur die wichtigsten genannt werden.

Eisenmangelanämie

Hämoglobin besteht aus verschiedenen Proteinketten, die über ein Eisenatom miteinander verbunden sind. Ohne Eisen kann kein Hämoglobin hergestellt werden. Eine Eisenmangelanämie entsteht dann, wenn der Bedarf an Eisen für die Hämoglobin-Herstellung die Aufnahmekapazität des Körpers überschreitet.

Dies kann verschiedene Ursachen haben. Am häufigsten kommt es zu einem erhöhten Eisenbedarf durch chronische Blutungen (in ca. 80% der Fälle). Betroffen sind meist Frauen durch die Menstruation. Aber auch chronische Darmblutungen, Krebsgeschwüre oder bestimmte Parasiten können für eine Eisenmangelanämie verantwortlich sein.

In der Schwangerschaft besteht auch ohne Blutverluste ein erhöhter Eisenbedarf, da das Blutvolumen der Mutter zunimmt und das heranwachsende Kind unter anderem Eisen aus dem Blut der Mutter zieht, um selbst Hämoglobin zu bilden.

Mangelhafte Resorption (Aufnahme) aus dem Darm (meist durch entzündliche Darmerkrankungen) oder eine mangelhafte Zufuhr lösen in selteneren Fällen Eisenmangelanämien aus.

Vor allem Vegetarier und Veganer müssen darauf achten genug Eisen aufzunehmen, da Pflanzen in der Regel sehr wenig Eisen enthalten. Ein weit verbreiteter Irrtum besagt, dass Spinat dem Körper viel Eisen zuführt. Das stimmt nach neuesten Erkenntnissen nicht. Spinat enthält zwar viel Eisen, aber auch sehr viel Oxalat. Dieses Oxalat bindet das Eisen im Magen-Darm-Trakt und verhindert seine Aufnahme in den Körper.

Anämie bei chronischen Erkrankungen

Die zweithäufigste Form der Blutarmut ist die Anämie bei chronischen entzündlichen Erkrankungen.

Hierzu zählen unter anderem Lupus erythematodes, rheumatoide Arthritis, Sarkoidose oder entzündliche Darmerkrankungen wie z.B. Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Durch die chronisch bestehende Entzündung gehen Vorläuferzellen von Erythrozyten zugrunde worauf dann die Bildung der roten Blutkörperchen zurückgeht. Meist besteht zusätzlich noch eine Eisenmangelanämie.

Anämie bei Vitamin B12- oder Folsäuremangel

Vitamin B12 und Folsäure werden gebraucht, um die Reifung des Zellkerns zu ermöglichen. Die Herstellung von Erythrozyten läuft über verschiedene Vorläuferzellen, die noch einen Zellkern besitzen. In diesem sind alle Informationen über die Zelle gespeichert, auch der „Bauplan" für Hämoglobin.

Herrscht nun ein Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure, so kann die Information nicht oder nur unzureichend abgelesen werden, was eine Verminderung der Erythrozytenzahl nach sich zieht. Diese Formen der Anämie finden sich häufig bei Alkoholikern, da durch den Alkohol die Aufnahme dieser wichtigen Stoffe gestört ist.

Perniziöse Anämie

Die perniziöse Anämie ist eine Sonderform der Vitamin B12-Mangelanämie. Um Vitamin B12 (auch Cobalamin genannt) aus dem Darm aufzunehmen, muss es im Magen an ein Protein gebunden werden, den „Intrinsic Factor". Bei der perniziösen Anämie besteht ein Mangel oder ein vollständiges Fehlen dieses Proteins. Grund hierfür kann z.B. eine chronische Entzündung der Magenschleimhaut sein. Unbehandelt führt diese Erkrankung zum Tod, was vor allem früher häufig vorgekommen ist (lat. perniciosus = vergänglich).

Symptome

Die Symptome der verschiedenen Anämieformen sind in vielen Punkten gleich.

Blässe

Hämoglobin wird auch als „roter Blutfarbstoff" bezeichnet. Es verleiht dem Blut seine charakteristische Farbe. Wenn weniger von diesem Farbstoff vorhanden ist, erscheint der Betroffene häufig blass, vor allem im Gesicht.

Diese Blässe kann jedoch häufig durch ein gebräuntes Gesicht oder eine allgemein dunkle Hautfarbe nicht zu sehen sein. Dann müssen Stellen betrachtet werden, die nicht pigmentiert sind, wie z.B. die Bindehaut der Augen.

Leistungsfähigkeit

Durch den verminderten Gehalt an Hämoglobin im Blut wird weniger Sauerstoff zu den einzelnen Organen transportiert. Die Muskulatur ermüdet schneller und das Herz muss kräftiger und häufiger pumpen (Herzrasen), um die Versorgung aufrecht zu erhalten. Die normale Leistungsfähigkeit kann somit nicht erreicht werden.

Häufig treten auch schon in Ruhe Probleme auf, wie z.B. Schwindel oder Kopfschmerzen. Durch den oft langsamen Verlauf der Krankheit können diese Symptome unter Umständen nicht bemerkt oder als „Alterserscheinungen" abgetan werden.

Zusätzlich zu diesen unspezifischen Anämie-Symptomen hat jede Anämieform noch eigene Symptome, die meist auf die Ursache der Erkrankung zurückzuführen sind.

Eisenmangelanämie

Hier treten, durch den Mangel an Eisen verursacht, auch brüchige Nägel, eine brennende Zunge und vor allem eingerissene Mundwinkel auf. Falls der Eisenmangel durch Blutverluste hervorgerufen wird, finden sich oft auch Blutverluste (z.B. verlängerte Periode, Blut im Stuhl).

Folsäuremangelanämie

Der Folsäuremangel löst, außer der Anämie, auch eine Rötung der Zunge, Magendruck und Verdauungsstörungen aus.

Vitamin B12-Mangelanämie

Vitamin B12 wird vor allem zur Blutbildung und zum Erhalt der normalen Nervenfunktion gebraucht. Ein Mangel kann sich demnach unter anderem in Demenz ausdrücken.

Diagnose

Die Diagnose „Anämie wird meist im Labor gestellt. Der Arzt ordnet, nach einer orientierenden Befragung nach den Symptomen (Anamnese) eine Blutuntersuchung an. Der zentrale Befund, der erhoben werden muss, um eine Anämie zu charakterisieren, ist der erniedrigte Hämoglobin-Wert. Um die Ursache der Anämie zu finden müssen noch andere Parameter bestimmt werden.

Ein sehr wichtiger Punkt sind Erythrozytenzahl, -größe und -farbe.
Aus einer Eisenmangelanämie resultieren kleine, blassrote Erythrozyten (mikrozytäre, hypochrome Anämie). Es ist jedoch nicht ausreichend, nur die Diagnose „Eisenmangelanämie" zu stellen. Zur vollständigen Abklärung der Grunderkrankung sollte nach verborgenen Blutungsquellen gesucht werden.

Bei Frauen ist es wichtig, die inneren Geschlechtsorgane zu untersuchen und zu erfragen, ob die Regelblutungen stärker als sonst sind. Wird hier keine Anomalie entdeckt, kann, wie auch beim Mann, eine Magen-Darm-Spiegelung durchgeführt werden. Häufig sind blutende Geschwüre oder Tumoren die Ursache für die Anämie.
Bei Folsäure- oder B12-Mangel sind die roten Blutkörperchen hingegen vergrößert und stärker rot gefärbt.

Die perniziöse Anämie kann durch eine weitere Untersuchung abgegrenzt werden. Der sogenannte Schilling Test weist einen Mangel an Intrinsic Factor nach. Bei diesem Test wird zuerst radioaktiv markiertes Vitamin B12 geschluckt und anschließend die radioaktive Aktivität im Körper gemessen.

Der gleiche Test wird nach einiger Zeit wiederholt, mit dem Unterschied, dass diesmal zusätzlich künstlicher Intrinsic Factor geschluckt wird. Wenn die Aktivität im Körper beim zweiten Durchgang deutlich höher als beim ersten ist, kann (bei entsprechenden Symptomen) fast sicher von einer perniziösen Anämie ausgegangen werden.

Bei schweren Anämien können auch einfache Tests eine relativ sichere Diagnose stellen. Wenn die Farbe der Handlinien bei gestraffter Haut der Farbe des umgebenden Gewebes entspricht, so liegt der Hb mit großer Wahrscheinlichkeit unter 7,0 g/dl.

Differentialdiagnose

Die einzelnen Anämien müssen gut gegeneinander abgegrenzt werden, da sich die Therapieansätze grundlegend unterscheiden. Das ist jedoch nicht immer einfach, da die Grundsymptome (Blässe, Abgeschlagenheit) und ein Teil der Laborergebnisse (Hämoglobinkonzentration) bei fast allen Anämien gleich sind.

Durch weiterführende Untersuchungen (z.B. Schilling-Test oder Blutausstriche zur Beurteilung der Erythrozyten) kann jedoch meist eine eindeutige Diagnose gestellt werden.

Therapie

Die Therapie der Anämie richtet sich vor allem nach der genauen Ursache der Erkrankung.

Eisenmangelanämie

Um eine Eisenmangelanämie erfolgreich zu behandeln, muss der Eisenhaushalt ausgeglichen werden. Eine einfache Zufuhr von Eisen ist dabei nur dann sinnvoll, wenn der Mangel ernährungsbedingt ist (z.B. bei Vegetariern). Hier hilft auch oft eine einfache Ernährungsumstellung. Allerdings wird eine Eisenmangelanämie meist durch chronische Blutungen verursacht.

Wenn eine Blutungsquelle entdeckt wurde, sollte sie verschlossen werden. Ein blutendes Geschwür kann in einer kleinen Operation verschlossen werden. Dabei wird das Geschwür durch das eingeführte Endoskop behandelt. Handelt es sich um einen blutenden Tumor, so muss eine größere Operation erfolgen, die sich nach der Größe, der Lage und der Ausbreitung des Tumors richtet.

Im Anschluss an die Entfernung der Blutungsquelle kann dann zusätzlich die Zufuhr von Eisen (meist in Form von Eisentabletten) erfolgen.

Anämie bei chronischen Erkrankungen

Hier liegt das Hauptaugenmerk meist auf der Behandlung der ursächlichen Erkrankung. Wenn diese Behandlung die Anämie nicht ausreichend beseitigt oder der Patient sehr stark durch die Anämie eingeschränkt wird, so kann versucht werden, die Bildungsrate der roten Blutkörperchen zu erhöhen.

Dafür kann ein Medikament eingesetzt werden, dass schon viele negative Schlagzeilen im Profisport geschrieben hat: EPO. Erythropoeitin (EPO) ist ein Hormon, das normalerweise von der Niere produziert wird, um die Blutbildung zu beschleunigen. Eine Zufuhr von künstlich hergestelltem EPO kann den gleichen Effekt bewirken.

Folsäuremangelanämie

Folsäure kann durch Tabletten zugeführt werden, was als Therapie meist schon ausreichend ist. Es sollte jedoch immer daran gedacht werden, dass zusätzlich ein Mangel an Vitamin B12 vorliegen könnte.

Vitamin B12-Mangelanämie

Die Zufuhr von Vitamin B12 sollte vor allem durch Spritzen in den Muskel erfolgen, da die Aufnahme im Darm höchstwahrscheinlich gestört ist (z.B. perniziöse Anämie). Im akuten Stadium der Anämie erfolgt die Injektion noch in sehr kurzen Abständen (Tage). Das Vitamin muss lebenslang zugeführt werden (außer bei Veganern, da der Mangel hier nur ernährungsbedingt ist). Alle drei Monate wird hierzu eine Spritze in den Muskel gestochen (wie bei einer Impfung).

Behandlung der Anämie im Notfall

Wenn der Hämoglobingehalt schon so stark gesunken ist, dass das Leben des Patienten bedroht ist, können Bluttransfusionen durchgeführt werden, um die Sauerstofflage im Körper zu verbessern. Sie stellen jedoch nur eine Akutbehandlung dar, die Ursache für die Anämie sollte schnell gefunden und behoben werden.

Prognose

Anämien können heutzutage im Allgemeinen sehr gut behandelt werden. Die perniziöse Anämie muss durch lebenslange Substitution von Vitamin B12 behandelt werden. Trotzdem ist auch hier ein völlig normales Leben möglich



Letzte Aktualisierung am 23.07.2010.

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